Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Und die Erde war wüst und leer,
und es war finster auf der Tiefe;
und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
Und Gott sprach: Es werde Licht!
Und es ward Licht.
(Mose I 1,3)
»Luzifer und ich hatten gerade wieder gestritten, wieviele Engel
wohl auf einer Nadelspitze sitzen können. Dabei waren Nadeln damals
noch gar nicht erfunden« sagte der Erzengel Raphael und zog an seiner
Pfeife. »Die Engel aber hielten eine solche Tätigkeit für
außerordentlich wichtig.«
Nachdenklich blickte ich auf die Flammen unter dem Kessel, dessen Schatten
auf den Höhlenwänden waberten.
»Da brüllte damals jemand durch Raum und Zeit, der Raum
aber war weder dunkel noch hell, es gab ihn wohl auch nicht, es gab nur
Leere, manche sagen: das Chaos hätte ihn gefüllt, ich glaube
das nicht ... Und die Zeit war zäh. Kurz vor der Wende. Kurz bevor
dies alles hier entstand, bevor unsere schöne neue Welt da war. Ich
erinnere mich nur noch schwach an die alte Zeit, an meine Geburt, an meine
Ausbildung, an meine Reisen, an meine Heimat. Dann war alles in Aufruhr
und die Dimensionen zerfielen, sogar die Punkte verschwanden.
Außer Luzifer und mir gab es niemanden hier. Wir waren die Herrscher
und die einzigen Bewohner der Welt und lebten zufrieden, zufrieden mit
unseren Diskussionen über das Chaos und die Unendlichkeit. So
glaubten wir jedenfalls. Obwohl ich Luzifer niemals ganz verstand, waren
wir wohl Freunde ...«
Raphael betrachtete mich aufmerksam, während er sprach. Er hatte
eine Kittelschürze um, wohl die seiner Frau, denn ich hatte ihn bei
der Küchenarbeit überrascht, als ich anklopfte.
Er fuhr fort: »Die Stimme kam unerwartet. Später erst erfuhren
wir, daß jemand gesprochen hatte, und sahen die Wirkung der Worte.
Der erste Tag war wie ein Wunder, als Licht und Dunkel sich trennten;
und wir erblickten endlich das Paradies. Sie dürfen sich nicht vorstellen,
daß wir bis dahin nur dumm dagesessen hätten, wir hatten genug
zu tun mit unseren Diskussionen über die Nuancen der ganzen Zahlen.«
Raphael schwieg eine Minute und zog an seiner Pfeife.
Ich blickte mich um. Vor dem Eingang der Höhle sah ich eine Mauer.
Ich spürte, daß sich hinter ihr etwas bewegte. Das mußten
die Frauen sein mit den Krügen auf den Köpfen, Frauen, die an
der Mauer entlangliefen, auf der anderen Seite, und von denen die Schatten
der Krüge nun im Hintergrund der Höhle auf die Wand projiziert
wurden.
Raphael rührte mit einer langen Kelle in der Suppe. Er blickte
mich traurig an. »Das Paradies. Aber es war noch leer. Wir spürten,
daß sich bald alles ändern würde. Wir wollten die Änderung
nicht, wollten nicht in die andere Welt, eine neue Welt, eine unbekannte,
die sich veränderte, eine, die uns wenig gefiel, eine Welt, die uns
erschreckte.«
Raphael lachte.
»Wir waren erst nur zwei Engel, später kamen noch einige
dazu, Michael und Gabriel, Manuel und Samuel, Asrael und Kiselel, dann
auch Jowa und Zebalot, Satan und Wotan, nicht zuletzt Jupiter und Zeus,
auch der schaurige Beelzebub und noch viele andere. Heute sind die meisten
von uns vergessen, aber wir waren einmal mächtig, wir waren das Volk,
wir, die Unsterblichen. Dann war es soweit. Die Stimme kam mir unerwartet
bekannt vor. Luzifer war es, der die ersten Worte gesprochen hatte, den
Urschall, den Urknall, die Vorhersage hatte sich erfüllt. Alle konnten
das sehen, denn Licht und Dunkel hatten sich getrennt. Luzifer hatte gesagt
Es werde Licht! Und es ward Licht. Luzifer hatte Licht und Dunkelheit
gebracht. Doch kurz darauf übernahm Jowa die Macht und verbannte Luzifer
aus dem Paradies, ebenso wie später die meisten der Engel, oder sie
flohen ins Exil, einige, die es nicht mehr geschafft hatten, wurden angekettet
oder mit einem Bann belegt. Über die unschönen Ereignisse sprach
niemand. Jowa duldete nur eigene Engel, die er selbst gezeugt und erzogen
hatte.
Er ließ dann schon bald das einmalig-ewig-wahre Geschichtsbuch
schreiben und in Stein hauen und brachte die Steintafeln viele Jahre später,
bereits nach der Sündflut, zu den Menschen.
Licht und Dunkel waren Jowa nicht genug. Am nächsten Tag schufen
wir auf seine Anweisung Wasser und Himmel. Die meisten von uns hatten einen
Schnupfen, aber keiner wollte vor den anderen zurückstehen und so
freundeten wir uns also notgedrungen mit dem Regen an und in den kälteren
Gebieten mit Schnee und Eis.
Am dritten Tag wollte ich ausschlafen, aber in der besten aller Welten
war keine Zeit zum Ruhen, die Schöpfung war nicht vollendet, so wurden
wir im Morgengrauen geweckt. Ich hatte nasse Füße bekommen,
ich erinnere mich noch, daß auch Luzifer anfing, zu zittern und zu
husten, auch Schnupfen breitete sich aus. Jowa ließ nicht locker.
Und am Abend hatten wir Wasser und Erde getrennt, es gab Land und Meere.
So schufen wir schließlich auch Sterne und die Planeten, Vögel
und Tiere und am sechsten Tag endlich rollten wir aus Lehm die ersten Menschen.
Am siebenten Tag aber, so steht geschrieben, ruhte Jowa aus.
Der erste Mann war Adam. Den Namen der ersten Frau haben die meisten
vergessen. Denn Lilith wollte von Adam nicht viel wissen, sie gehorchte
ihm nicht, wie es ihr zustand sie hatte ihren eigenen Willen. In den
Aufzeichnungen wird sie nur kurz erwähnt, und sie wäre wohl gestorben,
wenn wir sie nicht versteckt hätten.
Das heißt, eigentlich haben wir sie nicht versteckt, sie ist
von allein zu mir gekommen, und keiner kam auf die Idee, sie hier zu suchen.
Sie ist jetzt die beste aller Ehefrauen, ich habe sie geheiratet, sie ist
gerade auf einer Reise nach Lilleborgh. Die zweite Frau wurde aus einer
Rippe Adams geformt, das war ein sehr schwieriger Prozeß und der
Verbrauch an bestem Lehm war enorm.«
Raphael nahm einen langen Schluck aus einer Flasche. Dann blickte er
mich an und sprach weiter: »Natürlich hatten wir am siebenten
Tag nicht wirklich geruht. Am siebenten Tag stellten wir die Fossilien
her wir legten die Stoßzähne von Mammuts ins ewige Eis und
brachten Gebisse von Neandertalern in die Wüste. Schwieriger war es,
die radioaktiven Elemente in der richtigen Konzentration zu verteilen.
Es war auch nicht so einfach, den Anfangszustand der Planetenbahnen festzulegen,
schließlich
sollten die Menschen später das Alter ihrer Evolution auf Sechs Millionen
Jahre festlegen und nicht auf nur Sechstausend.«
Ich war verblüfft. »Was denn, nur Sechstausend Jahre?«
»Und ein paar zerquetschte!« antwortete Raphael. Er blickte
mich durchdringend an. »Du wirst es doch nicht weitersagen? Ohnehin
wird dir keiner glauben. Außerdem sind wir hier gefangen. Keiner
kann hier mehr fort. Das dient der Wahrung unseres Geheimnisses.«
Ich war neugierig geworden.
»Was geschah denn nun weiter im Paradies?«
»Adam und Eva, so hieß die Frau aus Adams Rippe, durften
alles tun, nur keinen Apfel vom Baum der Erkenntnis sollten sie essen.
Um sie zu testen, sandte Jowa die Schlange.
Die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Feld, die Jowa hatte
machen lassen, und sprach zu Eva: Ja, sollte Jowa gesagt haben: ihr sollt
nicht essen von allen Bäumen im Garten?
Da sprach Eva zu der Schlange: Wir essen von den Früchten im
Garten, aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Jowa
gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, daß ihr
nicht sterbet!
Da sprach die Schlange: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, denn
an dem Tage, da ihr davon esset, werden euch die Augen aufgetan, und ihr
werdet sein, wie Jowa und wissen, was gut und böse ist.
Adam und Eva aßen nun endlich beide von den Äpfeln, Jowa
aber wurde sehr zornig, denn die Äpfel vom Baum der Erkenntnis hatte
er für sich vorgesehen. Und so vertrieb er Adam und Eva aus dem Paradies.«
Ich hatte ein komisches Gefühl in der Magengegend und mein linkes
Ohr zuckte. Ich glaubte die Geschichte nicht.
»Raphael, die Geschichte kaufe ich dir nicht ab!« sagte
ich. »Raphael, du verheimlichst mir etwas.«
Raphael zuckte nervös mit den Schultern. »Du mußt
schon glauben, denn es steht geschrieben, und was geschrieben steht, das
war. So lautet die oberste Direktive. Alle ringsum glauben daran.«
Ich dachte nach. Ringsum war niemand. Die letzten Worte von Raphael
waren Sprechblasen. Ich glaubte ihm nicht, aber ich ließ mir nichts
anmerken. Es war ohnehin alles sehr merkwürdig. Die letzten Worte
standen ganz im Gegensatz zu seiner vorherigen Erzählung. Ich hatte
das Gefühl, überwacht zu werden. Wurden wir beobachtet? Wer sollte
uns beobachten? Was hatte das unheimliche Gefühl verursacht?
Raphaels Geschichte hatte eine Bedeutung, mußte eine haben. Vielleicht
hatte sie mit mir zu tun. Warum war ich hier? Wer bin ich? Das Geheimnis
entzog sich mir umso mehr, je mehr ich es zu ergründen trachtete.
Ich sah mich im Spiegel und war anders als ich zu sein glaubte. Ich versuchte,
mich zu erinnern, es gelang mir nicht. Ich hatte eine Aufgabe. Irgendeine
Aufgabe mußte ich doch haben, warum sonst war ich hier? Hier in der
Höhle, die ich nie zuvor gesehen hatte, deren Formen sich meiner Beschreibung
entziehen, die ich nicht beschreiben kann, die nicht beschreibbar waren.
Ich hatte Flügel. Weiße Flügel, zusammengefaltet auf
meinem Rücken.
Raphael schien nichts zu merken, alles war für ihn selbstverständlich.
Ich war nichts Besonderes für ihn. Er erzählte und erzählte,
er mußte mich erwartet haben. Aber hatte er mich erwartet, oder wartete
er auf einen anderen, der ich zu sein schien, den zu sein ich vorgab?
Seltsam, daß ich seine Sprache verstand.
Auf dem Tisch in einer Vertiefung lag eine Kugel, eine schwach violett
leuchtende Kugel.
Raphael holte aus einem wurmzerfressenen Küchenschrank, dessen
linke Glasscheibe fehlte, Teller und Besteck. Die Suppe war wohl nun fertig
geworden. Ihr Duft, ein exotischer Duft, der mich berauschte, füllte
den Raum. Raphael füllte die Teller. Ich bemerkte, daß ich Hunger
hatte. Wir begannen zu essen. Die Suppe schmeckte ungewohnt, aber würzig
und gut.
Raphael sah mich an. »Ich bin Vegetarier!« erklärte
er.
Ich betrachtete die Kugel, die zu leuchten aufhörte, und sah mein
Spiegelbild und das der Höhle und das der Mauer. Meine Gedanken begannen
zu kreisen. Ich fühlte mich müde und satt. Hypnotisiert entwich
ich meinem Körper. Ich sah mich von außen. Ich erblickte mich,
wie ich auf dem Stuhl saß, leicht zusammengesunken. Ich schlief.
Raphael ging zur Spüle und ließ Wasser ein. Ich blickte mich
weiter um. Die Schatten der Tonkrüge liefen über die Wand, undeutliche
Umrisse zeichneten sich ab. Das mußten die Frauen sein, die vor der
Mauer vor der Höhle auf und ab liefen, Tonkrüge auf den Köpfen.
Ich ahnte die Umrisse der Tonkrüge, so sehr ich aber gegen die Decke
strebte, denn ich war leicht, leicht wie ein Traumbild, ich konnte außerhalb
der Höhle nichts erkennen.
Raphael tat etwas, was ich nach dem Essen immer hinausschob,
solange ich konnte, er spülte Geschirr. Dabei begann er zu singen.
Laut sang er, mit heiserer Stimme sang er, ich glaubte, das Lied zu erkennen:
Josua kämpfte damals bei Jericho
und die Wände fielen ein.
Ich versuchte, die Wand zu durchdringen. Der Versuch mißlang,
denn die Wand wich zurück, obwohl ich mich auf sie zu bewegte. Ich
kam ihr immer näher, aber ich erreichte sie nicht. Wenn ich einen
Meter näher gekommen war, hatte sie sich einen halben Meter entfernt,
wenn ich den halben Meter durchflogen hatte, hatte sie sich einen viertel
Meter entfernt, gleichzeitig wurde mein Flug immer langsamer. Ich sah mich
im Sessel sitzen und schlafen. Also mußte ich träumen, das war
die einzige logische Erklärung, die mir einfiel, und mein Verstand
arbeitete immer schärfer, ganz im Gegensatz zu dem, was man in der
vorliegenden Situation erwarten würde. Ich beschloß, den Versuch,
die Wand zu erreichen, abzubrechen.
In der Zwischenzeit hatte Raphael das Geschirr fertig. Er stellte es
in den Schrank, er sang weiter:
Du kannst singen von Gideon,
du kannst singen von Saul,
keiner war wie Josua,
er liess Posaunen blasen
und die Wände fielen ein.
Ich näherte mich der Öffnung der Höhle, konnte sie aber
nicht erreichen, je mehr ich mich näherte, desto mehr entfernte sie
sich. Ich konnte mir das logisch nicht erklären. So eine Geometrie
des Raumes hatte ich noch nie gesehen.
Raphael erzählte: »Dann kam die Sündflut. Es regnete
Tag um Tag, Nacht um Nacht. Die Flüsse schwollen in ihren Tälern
an und Sturzfluten gruben Schluchten zwischen den Gebirgen. Doch bald sah
keiner mehr irgendwelche Berggipfel, die waren alle unter den Wassermassen
verschollen. Nur die Fische sprangen von Zeit zu Zeit über das Wasser
und versuchten zu fliegen. Oben zwischen den Wolken kreiste ein schwarzer
Rabe. Wind blies nur wenig, alle Energie schien zur Erzeugung der Wassermassen
verbraucht. Nur ein einziges Schiff schwamm noch auf dem Ozean.«
Er blickte zu mir, besser gesagt, zu dem Körper, der zu schlafen
schien, ohne daß Raphael das bemerkte.
Der Körper ich schien seine Grenzen zu verlieren. Auf dem
Fußboden schien sich ein Gitternetz von Linien zu bilden. Die Wände
waren durchlöchert. Draußen wurde es langsam dunkel.
»Das Schiff war eine Arche aus Tannenholz und die Arche war schwarz
gestrichen mit Pech von Innen und von Außen und sie ließ kein
Wasser ein.
Allerlei Getier hatte sich auf ihr versammelt, von jeder Art ein Paar,
einige Arten aber hatten es nicht geschafft, die Arche zu erreichen. Es
war der vierzigste Tag. Der Rabe kreiste am Himmel, und die Wassermassen
begannen zu verschwinden, ebenso plötzlich, wie sie gekommen waren.«
Ich hörte zu, aber nicht allzu aufmerksam, ich wollte einen Ausweg
finden, erst einmal aus der Höhle herausgelangen.
In der Zwischenzeit war schon ein Teil der Kücheneinrichtung verschwunden
im Nebel, der von draußen über die Mauer hereinzog und die
Schatten immer undeutlicher werden ließ. Ich wollte meinen Körper
erreichen, der da vor mir lag. Ich wollte ihn wirklich erreichen und kam
ihm immer näher. Ich wollte wieder eins werden mit ihm, denn mir schien
es, er sei meiner noch nicht überdrüssig geworden, wir brauchten
einander noch, das andere, was sich hier ereignete, wurde immer unwesentlicher.
Raphael schrie plötzlich auf.
»Ich verliere meine Füße!« rief er erschreckt.
»Ich besaß doch das Geheimnis des Ewigen Lebens. Ich verliere
meine Füße!« Seine Rede war seltsam farbig und konfus.
Raphael glitt zu Boden und verfärbte sich grau. Aus der Mauer tönte
ein Echo:
Josua kämpfte damals bei Jericho
und die Wände fielen ein.
Ich näherte mich meinem Körper, der so schwer war, daß
ich ihn nicht heben konnte, als ich ihn erreichte, er war langsam wie Stein.
Raphaels Pfeife glimmte immer noch, aber Raphael hatte sie fallen lassen,
denn seine Hände waren durchsichtig geworden und verschwunden. Die
Pfeife lag auf dem Tisch fast am Rand, ihr Rauch vermischte sich mit der
Umgebung. Raphael schien Angst zu haben, ich konnte es nicht genau erkennen,
denn der Nebel erreichte auch mich, schemenhaft ahnte ich die Mauer vor
der Höhle, als ich mich wieder mit meinem Körper vereinigte.
Überall her vermischte sich die Melodie mit dem Rauschen des verschwindenden
Kamins. Die Töne waren verschlungen, sie verloren sich in den Höhen
und begannen in den Tiefen erneut.
Du kannst singen von Gideon,
du kannst singen von Saul,
keiner war wie Josua,
er liess Posaunen blasen
und die Wände fielen ein.
Die Töne vermischten sich mit dem Nebel und mit der Dunkelheit,
die mich jetzt umgab. Irgendetwas blieb mir zu tun. Irgendeine Aufgabe,
ich hatte sie vergessen, sie war aus meinem Gedächtnis verschwunden,
ich fühlte immer mehr, daß ich noch da war, aber der Boden war
fort, die Flammen vermischten sich mit dem Küchenschrank und der Suppe
und den Steinen auf dem Fußboden und dem Gesang und dem aromatischen
Duft der Suppe, den ich schon vergessen hatte und dem Duft des Gesangs
und den langsamen Bewegungen der Steine rings um mich herum und Alles war
Alles und Nichts war Nichts, aber ich hatte noch eine Aufgabe zu erfüllen
und kannte sie nicht.
»Hör, du mußt ..., hör doch ... «
Der Erzengel Raphael verstummte nach seinen letzten, leider in der
gegenwärtigen Situation nicht sehr hilfreichen Worten.
Jetzt wurde die Mauer draußen durchsichtig und verschwand. Aber
da waren keine Frauen, da waren keine Krüge, da war auch kein Nebel
mehr zu sehen, ich hatte mich mit meinem Körper vereinigt und mit
der Umgebung, da waren fast nur noch Löcher und Nebel und Löcher
im Nebel, im Nebel, mit dem ich mich vermischte ich dachte über
Raphael nach und über dessen Erzählung, die mir als Prophezeiung
erschien. Meine Hand war jetzt eins mit der Pfeife und meine Füße
verschmolzen mit der Mauer, die mich einst umgab, wie lange war das bloß
her, die Zeit selbst verschwand, als sich die Dimensionen des Raums auflösten,
und ich war nur noch ein Schatten und ahnte die anderen Schatten ringsum,
die sich um mich wirbelten und ich wirbelte mit ihnen und hatte schon keinen
Körper mehr und es war mir bereits egal, ob ich träumte, es war
mir bereits egal, ob ich eine Aufgabe hatte, von wem auch sollte ich sie
erhalten haben, da war doch nichts, da war doch niemand, die Dimensionen
waren verschwunden, ich näherte mich den Wunderzahlen der Unendlichkeit.
Die Einsamkeit verstärkte sich, je mehr ich mich mit den anderen vermischte,
die ich nur ahnen konnte, in Wahrheit waren wir stärker getrennt,
als je zuvor; die Linien und Löcher im Fußboden verschwanden,
der Untergrund verschwand, das Motiv, die Umgebung. Alles wurde verschlungen
von einer liegenden Acht, dem Zeichen der Unendlichkeit. Der Raum verschmolz
mit der Fläche und mit der Zeit. Die Wirbel verstärkten sich
und dann war da nichts mehr. Da begriff ich und rief, während ich
endgültig verschwand:
Es werde Licht!