Der Wasserhahn tropfte und ich erschrak bei jedem Tropfen, der nach
unten sauste, und ich wurde älter und älter. Da betrachtete ich
mich im Spiegel, wie an jedem Morgen – die Vögel zwitscherten. Ich
kämmte sorgfältig meine Haare, die nicht halten wollten, wie
immer. Meine Brille hatte sich verändert, und die Welt war kleiner
geworden, als vorher, und ich war nun fast die gesamte Welt in diesem vergessenen
Raumschiff und blickte lange auf die Erde, den fernen kleinen, Planeten.
Fern war die Erde, ich aber war hier, nun schon ohne jeden Sinn, der Flug
war sinnlos geworden am Morgen des letzten Tages.
Am Anfang hatte ich noch die Trümmer von Fernsehsatelliten und
die anderer Überreste der menschlichen Zivilisation eingesammelt,
um sie zurückzubringen zur Erde, am 23. Tag des Fluges gab es diese
nicht mehr. Natürlich – als Planet war sie noch vorhanden, denn im
Weltall verschwinden Planeten nicht so einfach, aber sie war leer, das
Leben auf der Erde war erloschen.
Ich bin nun die Welt geworden und blicke erstaunt auf den tropfenden
Wasserhahn. Irgend etwas ist falsch in diesem Spiel, in dieser Situation,
das saubere, sorgsam gepflegte Raumschiff, in welchem ich sitze, der Planet,
meine Heimat, verschmiert, verkleistert, verseucht, verstrahlt, Wiege eines
neuen Lebens in ferner Zeit. Komisch, daran zu denken, zu denken überhaupt,
lächerliche Sachen, Sachen, die mir früher gleichgültig
waren, an denen ich mitgewirkt habe.
Ich lausche dem Zwitschern der Vögel in dieser Welt, der sonderbaren,
dem Raumschiff, die Vögel sprechen mit mir. Das ist nicht logisch.
Daß ich hier sitze, hier in den Spiegel schaue, bin. Und ich bin
die Welt – das ist nicht logisch. Ich sehne mich nach Margit, meiner Frau,
sie ist unten geblieben, wollte nicht mit, und nach Theo, meinem Mann,
auch er ist unten geblieben.
Der tropfende Wasserhahn nervt und ich bin müde geworden, habe
heute noch nichts erreicht. Ich bin nicht erregt. Ich bin fast nicht erregbar.
Mein Herz schlägt bis zum Hals. Die Wolken auf der Erde ballen sich
zusammen zu Drachenköpfen und verschlingen einander. Ich beobachte
sie nur noch zeitweise auf dem Monitor. Und müßte jetzt etwas
ins Tagebuch schreiben, ins Computerlogbuch, jeder weiß es, aber
die, die das befohlen haben, gibt es nicht mehr. Ich achte sehr auf Ordnung
auf meinem Schreibtisch und werfe allen Abfall in den danebenstehenden
Müllschlucker. Schwerelos schwebt der neue Abfall inmitten des anderen
Mülls und vermischt sich mit ihm. Ich hänge meine Füße
in die Nährlösung, ich habe Hunger. Das schmeckt heute nicht
so besonders, ein Nährsalz fehlt. Oder die Leitung ist verstopft oder
ein Thermostat ist ausgefallen – es gibt viele mögliche Ursachen.
Sie kennen nun meine Umgebung, mich. Aber das ist nicht logisch, Sie gibt
es ja nicht mehr, für wen also schreibe ich? Ich liege auf dem Müllhaufen
der Geschichte, fliege inmitten der Trümmer hier im All, versuche,
mich zu erinnern, die Erinnerungen sind bruchstückhaft und werden
vom schrecklichen Tropfen des Wasserhahns in Teile zerschnitten.
An dieser Stelle des Tagebuches brach die Stromversorgung von A502
infolge des Umkippens einer Kaffeetasse auf die Tastatur des Hauptcomputers
zusammen, weshalb die Aufzeichnungen wegen der Folgefehler unbrauchbar
wurden, nur einige Reste sind noch zu entziffern. Die Tastatur war hinterher
unbrauchbar. Der Goethevirus, der sich ins Programm geschlichen hatte,
breitete sich in alle Computernetze aus und diese schrieben Gedichte in
ihre Speicherzellen.
Wenns im weiten Weltall schneit/ist das Frühjahr nicht mehr weit
... /
... Mir fehlt die Anleitung zum weiteren Handeln und ein Dialogpartner.
Draußen, rings um das Raumschiff verbreiten sich Sterne und Bruchstücke
von Meteoriten. Draußen, rings um das Weltraumschiff ...
Die rote Alarmkappe leuchtet. Ihr Licht spiegelt sich nur schwach auf
den Pulten und gibt dem Raum eine gespenstische Helligkeit – eine Helligkeit,
die kaum wahrnehmbar ist, holt mich denn hier keiner.
Ich sehe auf dem Bildschirm die Erde, den alten Planeten, die Umrisse
von Europa und Afrika, mit Wolken, wie immer, aber da ist ja niemand, keiner
hat das überlebt. Das. Was eigentlich? Die Funkgeräte schweigen.
Seit der Stunde X. Das Rauschen des Kosmos. Das Urknallrauschen. Die Funkgeräte
schweigen – ich kontrolliere sie – sie sind natürlich in Ordnung.
Die Ablösung blieb aus. Ich wußte nun: ES war passiert.
Vorräte für längere Zeit hatte ich an Bord. Auf der Erde
zu landen, kam nicht in Frage, das wußte ich schon aus vielen Geschichten.
»Ihr«, schrie ich. »Ihr«, ... auch rief ich laut
und sang und tanzte im schwerelosen Raum. Etwas störte mich, war unlogisch.
Etwas stimmte nicht mit meinem Aufenthalt – dem seltsamen Flug um die kaputte
Erde im Raumschiff der irdischen Müllberäumungsflotte. Der tropfende
Wasserhahn störte mich. Er störte beim Denken, beim Nachdenken
über die Stille und über den Raum und über meine Reserven.
Der Wasserhahn stört mich in meinen Gedanken und ich fluche laut.
Die Vögel zwitschern – es sind Töne aus dem Lautsprecher – der
Wasserhahn tropft – ist das realer als das Zwitschern der Vögel? Ich
bin festgegurtet, komme nicht hin. Alles, was hier geschrieben steht, was
ich bisher geschrieben habe, ist fraglich. Ich glaube es nicht, nicht den
tropfenden Wasserhahn, nicht die Beine in der Nährlösung, nicht
die kaputte Erde draußen. Nicht einmal die Trümmer, die ich
beseitigt habe, die ich beseitigen sollte. Ich wünsche, alles sei
ein Traum. Ich sei ein Traum. Aber ich träume nicht, der Hunger, der
Schmerz, die Stille sind real, ich träume nicht – die Füße
hängen drin, drin in der Nährlösung, und ich bin angegurtet,
und die Vögel zwitschern und der Wasserhahn tropft –.
Ein Meteorit ist eingeschlagen oder ein Stück Abfall, die Luft
rauscht aus dem Schiff, es wirbelt herum, wie ein losgelassener Luftballon.
Herum in einer neuen, ungeplanten Bahn.
Und ich höre den Wasserhahn nicht mehr, die Nährlösung
beginnt zu kochen und kühlt sich ab. Ich bin nun ganz Raumschiff geworden
und resorbiere den nutzlosen Körper aus seinen Gurten, löse ihn
auf und hänge weiteren Gedanken nach.