aus: Jutta Miller-Waldner und Horst Dinter:

Betrifft: Schreiben.

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(Nicht) Aller Anfang ist leicht

 
Mit einem Erdbeben anfangen und dann ganz langsam steigern
Samuel Goldwyn an seine Drehbuchautoren
Bedenke wohl die erste Zeile.
Dr. Faust
„Es war einmal“ oder „Als das Wünschen noch erlaubt war“: so beginnen die schönsten Geschichten. Als Kinder waren wir sofort in der Geschichte und kämpften mit dem Bösen, fühlten uns als arme, bedauernswerte Kinder im tiefen, finsteren Wald, schliefen hinter Dornen oder in einem gläsernen Sarg, fürchteten uns, wußten, der Königssohn wird uns im rechten Augenblick retten.

„Es war einmal eine Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange ein Kind“ — wie prosaisch klänge: „Ein Mann und eine Frau wünschten sich schon lange ein Kind.“ Bei Lukas 2,1 stand in den früheren Ausgaben der Bibel: „Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzet würde.“ Hier weist die poetische Form auf das besondere Ereignis hin. In der Einheitsübersetzung aus dem Jahre 1979 steht: „In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen.“ so kann man die Worte von Lukas auch übersetzen — wer tat wann waswarum —, aber es ist nur ein Satz, nichts weiter.

Aber diese Fälle sind eine Ausnahme. Nicht jedes Buch, jede Erzählung kann mit diesen Worten beginnen, im Gegenteil, Texte sollten überhaupt nicht mit Es beginnen. Eco schreibt dazu:

       
    Kann einer, der erzählen will, heute noch sagen: „Es war ein klarer spätherbstlicher Morgen gegen Ende November“, ohne sich dabei wie Snoopy zu fühlen? Was aber, wenn ich Snoopy das sagen ließe? Wenn also die Worte „Es war ein klarer spätherbstlicher Morgen...“ jemand sagte, der dazu berechtigt war, weil man zu seiner Zeit noch so anheben konnte? Eine Maske, das war‘s, was ich brauchte. … so schrieb ich zunächst das Vorwort, indem ich meine Erzählung, verpackt in drei andere Erzählungen, in den vierten Grad der Verpuppung setzte: Ich sage, daß Vallet sagte, daß Mabillon sagte, daß Adson sagte.
       
Und wie heißen nun die drei Anfänge in Ecos „Namen der Rose“?
       
    Am 16. August 1968 fiel mir ein Buch aus der Feder eines gewissen Abbé Vallet in die Hände …

    Am Anfang war da Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

    Es war ein klarer spätherbstlicher Morgen gegen Ende November.
     

    Beim Aussteigen aus dem Zug blieb ich mit dem Absatz hängen. Mein anderer Fuß trat ins Leere. Ich fiel. Der Länge nach lag ich auf dem Bahnsteig, inmitten von Menschen, die drängelten und einsteigen wollten. Während ich mühsam wieder auf die Füße kam, stießen sie mich von den Seiten. Ich wankte, da kam ein Mann rasch auf mich zu, und selbst in diesem Augenblick der Verwirrung fielen mir seine Autorität, seine Gewandtheit, seine schnelle Reaktion auf. Er fing mich auf, als ich erneut umknickte, und dank unserer beiderseitigen Bemühungen lag ich plötzlich in seinen Armen, die eine Hand, mit der ich noch immer die Handtasche krampfhaft festhielt, an seinem Nacken. Ich fing an zu lachen. Wohl ein ziemlich klägliches Kichern, aber doch ein Lachen. Sein Gesicht, so nah an meinem, war attraktiv und intelligent. Nach diesem schnellen, energischen Eingreifen hätte ich nicht ein so — ja, so sensibles Gesicht erwartet, anders kann man es wohl nicht ausdrücken. Er sah mich freundlich, fragend an. Ich erklärte: „Ich schreibe Kitschromane.“ Nach einem winzigen Zögern verstand er und lachte mit, und dann stand ich ungenutzt neben ihm, strich meine Kleidung glatt und kam langsam wieder zu mir.
Aber wie erreichen Sie, daß Ihr Leser gerade Ihr Werk liest bei den vielen Büchern, den vielen Geschichten, die geschrieben werden, viel mehr, als ein Mensch in seinem Leben lesen kann? Jean Cocteau sagte zum russischen Ballett-Impresario Sergej Diaghilew: „Frappieren Sie mich, ich warte.“
 


Finden Sie einen Anfang, der Ihren Text aus der Masse des Geschriebenen heraushebt, ihn „attraktiv“ macht.



 

Ihre Anfangssätze sollen den Leser anregen, werben, ihn neugierig machen, ihn in das Buch reinziehen, in die dreihundert Seiten dahinter, sollen ihn fesseln bis zum Schluss. Sie dürfen nichts Langweiliges und Überflüssiges enthalten. Anfänge können fesseln, mitreißen, schockieren, humorvoll sein, dramatisch, spannend. Sie können Inhaltsangabe sein, manchmal schon Zusammenfassung oder Absichtserklärung des Autors. Der Leser will staunen, erschrecken, er soll bei den ersten Sätzen merken: Das Weiterlesen lohnt sich.


Buchanfänge

Die großen „W“

Für den Zeitungsbericht und mehr noch für jede Erzählung gibt es die goldene Regel: die Regel der sechs „W“.
 


Wer hat etwas getan, erlitten erlebt usw.? Was hat er getan? Wann hat er es getan? Wo hat er es getan? Wie hat er es getan? Warum hat er es getan?



 

Für einen guten Anfang, um Ihren Leser „herein zuziehen“, sind die vier ersten Fragen wichtig: Wer ist die Hauptperson? — nach den ersten zwei oder drei Kapiteln sollten Sie ohnehin keine neue Hauptfigur neu einführen —. Was hat sie getan? Wann und wo spielt Ihr Text? Die beiden anderen Fragen — Was hat sie getan? Warum hat sie es getan? — können Sie später beantworten.

Prüfen Sie jeden Zeitungsbericht, ob er diese Fragen berücksichtigt. Wenn nicht, fragen Sie, warum? Hat der Reporter nicht alles erfahren können? Denken Sie sich die Antwort aus — das übt Ihre Kreativität. Hat der Reporter nicht alles sagen wollen (oder dürfen)? Denken Sie sich aus, was ihn dazu bewogen hat — das übt Sie im Auffinden von Gründen. Hat er die Antwort vergessen? Denken Sie daran, dass das, was für einen Zeitungsbericht noch entschuldbar ist, Ihren nach allen literarischen Kriterien gut erzählten Text zerstört. Suchen Sie erst nach logischen Antworten und lassen Sie dann Ihre Phantasie walten.

Lesen Sie, wie Kleist in „Die Marquise von O“ die Hauptperson einführt, den Ort der Handlung bezeichnet, in dem die Novelle spielt, und vor allem, wie er die unerhörte Begebenheit schildert:

Oder lesen Sie seinen Anfangssatz im „Erdbeben von Chili“


Auch Ina Seidel nennt in „Wunschkind“ die Hauptfigur, den Ort, das Datum und das unerhörte Ereignis:

(Leider haben die Frau und die Mutter des Edelherrn keinen Namen, obwohl das Buch von einer Frau geschrieben wurde, andererseits weist das wieder auf die Zeit hin, in der Roman spielt — als Frauen nur als Mutter wahrgenommen wurden.) Meisterhaft ist der Anfang von Thomas Manns „Zauberberg“: Hier berichtet Thomas Mann, wer wie wann wohin fuhr. Die drei Wochen werden zu einem jahrelangen Aufenthalt, in dem das Innere umgewandelt wird — „zu weit eigentlich“, der „einfache junge Mensch“ wird durch Menschen aus „mehrere Herren Länder“ beeinflusst, und die (seelischen) „Schlünde, die früher für unergründlich galten“ und „von da an verzettelt sich die Reise“ weisen auf das kommende Ereignis hin. Einer der berühmtesten Romane, der „Don Quijotte“ von Cervantes, beginnt mit dem Satz:
 
In einem Dorfe der Mancha, auf dessen Namen ich mich nicht besinnen mag, lebte vor nicht langer Zeit einer von jenen Edelleuten, welche einen Spieß am Lanzenbrett, einen alten Schild, ein mageres Roß und einen flinken Windhund besitzen.


Hamsuns Roman „Mysterien“ beginnt mit dem Titel, der Vorwegnahme des Inhalts und dem Ziel. Aber dann schreibt er weiter: „Doch dies alles ist nicht der Anfang …“
 

Um die Mitte des vorigen sommers war eine kleine norwegische Küstenstadt der Schauplatz einiger höchst ungewöhnlicher Begebenheiten. Ein Fremder tauchte auf, ein gewisser Nagel, ein merkwürdiger und eigentümlicher Scharlatan, der eine Menge auffallender Dinge trieb und ebenso plötzlich wieder verschwand, wie er gekommen war. Dieser Mann erhielt sogar einmal Besuch von einer geheimnisvollen jungen Dame, die in Gott weiß welcher Angelegenheit kam und nicht wagte, sich länger als ein paar Stunden am Orte aufzuhalten.


Umgekehrt fasst Alfred Neumann in seinem Roman „Der Held“ das Ziel einer Pistole ins Auge, er legt an, visiert und lässt den Schuss auf Seite 170 fallen:
 

Das Haus des Revolutionsministers lag in so geringer Entfernung vom Parlament, daß der Hochverräter — wie er von Hubert Hoff und seinen Freunden genannt wurde — nur in ganz seltenen Fällen den Kraftwagen zu benutzen pflegte. Das wußte man. Man kannte auch die Stunde, in der er, begleitet von seinem verwachsenen und scheuen Sekretär, im Hauptportal des barocken Baus auftauchte, kurzbeinig und fest die Allee zum Parktor durcheilte, vor den beiden salutierenden Matrosenposten höflich und etwas lächerlich den Hut zog und immer den gleichen Zehnminutenweg wählte. Man hatte sich sehr große Mühe gegeben, jede Sekunde dieses wichtigen Stundensplitters auf ihre Eignung zu untersuchen. Man wußte jetzt Bescheid und kannte den gültigen Augenblick. Man kannte sogar — und es schauderte vor solchem Weitblick keinem — das Stück des Bürgersteigs, das unter die erwählte Spanne Zeit zu liegen kam (auf das der Blitz einschlagen wird, formulierte Hoff): fünfzehn gute Meter zwischen einem Gully und der Bordschwelle einer stillen Querstraße.


Und doch ist dieser Beginn sinnvoll, weil in dem Roman geschildert wird, wie der Hochverräter Hoff an seelischer Spannung zugrunde geht, und der Anfang auf Geschehen und Charakter zugleich hinweist.

Büchner nennt in „Lenz“ die Hauptfigur, den Ort und die Zeit und weist mit dem Satz „Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte auf den Wahnsinn von Lenz hin.
 

Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen.
Es war naßkalt; das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht — und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump.
Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf-, bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte.


In den Anfangssätzen der Kurzgeschichte „Als die Standuhr dreimal schlug …“ sind im Anfang Ort und Zeit enthalten und mit den Anfangstakten der Schicksalssymphonie wird auf das unerhörte Ereignis hingewiesen:
 

Die alte Standuhr im Flur holte Luft und begann zu schlagen. Elisabeth Hannemann schreckte hoch. Sie legte die Illustrierte auf den Tisch neben dem Ohrensessel, nahm die Brille ab, zählte die Schläge: eins... Zwei... drei — drei Uhr: endlich Zeit für ihren Nachmittagskaffee. Sie schlurfte in die Küche, ließ Wasser in den Kessel laufen, stellte ihn auf die Herdplatte, schob die Brille wieder auf die Nase und bückte sich ächzend, um die winzigen Symbole zu erkennen. Schließlich schaltete sie auf drei.
Während Elisabeth darauf wartete, dass das Wasser kochte, pochte sie gedankenverloren die Anfangstakte ihrer Lieblingssymphonie auf den Küchentisch: da da da daaa...


Auch der Anfang von Charles Simmons Roman „Salzwasser“ enthält Spannung und Perspektive, das besondere Ereignis und den Wendepunkt:
 

Im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank.

Buchanfänge

Das Ende im Anfang

Lassen Sie im Anfang einen Hinweis auf das Problem und den Schluss des Textes „aufblitzen“. Sie können Ihren Text mit allgemeinen Bemerkungen beginnen, mit einer Zugfahrt, dem Wetter, einer Landschaft, aber in ihnen muss das Besondere dieses Textes enthalten sein.

Irving beschreibt in seinem Buch „Zirkuskind“ den Schriftsteller Farraokh, der zum erstenmal das Gefühl hatte,
 

daß er kapiert hatte, wie eine Geschichte anfangen mußte. Die Figuren wurden durch das Schicksal, das sie erwartete, in Bewegung versetzt. Der Ausgang der Geschichte war in gewisser Weise als Keim schon in der Anfangsszene enthalten.


Der Anfang von Brechts „Vier Männer und ein Pokerspiel“ ist ein gutes Beispiel dafür.
 

Sie saßen auf Korbstühlen in Havanna und vergaßen die Welt. Wenn es ihnen zu heiß wurde, tranken sie Eiswasser, abends tanzten sie Boston im Atlantic-Hotel. Sie hatten alle vier Geld.
In den Zeitungen stand über sie, daß sie große Leute wären. Wenn sie es dreimal gelesen hatten, warfen sie die Zeitungen ins Meer. Oder sie hielten die Zeitung mit zwei Händen fest und durchbohrten sie mit der Schuhspitze. Drei von ihnen hatten vor zehntausend Menschen Rekorde geschwommen, der vierte die zehntausend auf die Beine gebracht. Als sie ihre Gegner geschlagen und die Zeitungen gelesen hatten, schifften sie sich ein. Mit gutem Geld kehrten sie zurück nach New York.
Diese Geschichte könnte man eigentlich nur unter Jazzbegleitung richtig erzählen. Sie ist von A bis Z Poetisch. Sie fängt an mit Zigarrenrauch und Gelächter und endet mit einem Todesfall.

Buchanfänge

Geben Sie Ihrem Anfang eine Richtung

Sie müssen das Versprechen halten, das Sie dem Leser mit den ersten Sätzen gegeben haben, müssen die „Tonart“ durchhalten, sonst ist der Anfang „wie ein ungedeckter Scheck“ (Paul Schuster). Und W. E. Süsskind schreibt:
Ein einziger Satz ist gesprochen, und schon sind Licht, Stimmung und Stoffkreis der Erzählung festgelegt. Es gibt kein Entrinnen mehr, nur noch ein Weiter auf dem vorgezeichneten Weg. So also steht es mit dem Anfang. Er ist eine Beschwörung …
So legen Sie sich fest, wenn Sie „rasant“, besonders originell, beginnen. Viele Bücher leiden darunter, dass der Schreiber dieses Tempo nicht durchhält. Und wenn Sie doch so beginnen möchten, so „schalten“ Sie schnell zurück, damit Sie das Tempo noch steigern. Umgekehrt müssen Sie, wenn Sie lakonisch beginnen, diese Lakonie den ganzen Text über durchhalten.
Der Eintritt in einen Roman ist wie der Aufbruch zu einer Bergtour: Man muß sich an den Atem gewöhnen, an eine bestimmte Gangart, sonst kommt man bald aus der Puste und bleibt zurück. … Manche Romane atmen wie Gazellen, andere wie Wale oder Elefanten, schreibt Eco.

Buchanfänge

Dreißig Zeilen oder dreißig Wörter?

Sie kennen die Romane, bei denen Sie sich erst „einlesen“ müssen, bei denen Sie erst nach dreißig Seiten in das Buch „einsteigen“. Aber meistens werden Sie dem Text gegenüber schon vorher misstrauisch und überspringen die Seiten oder Sie vorher schlagen es zu und stellen es entnervt in den Bücherschrank. Da Sie nicht wollen, dass das auch mit Ihrem Buch geschieht (schließlich ist es schade um die dreihundertdreißig mühevoll und unter großen Entbehrungen geschriebenen Seiten), reden Sie von Anfang an nicht „drumherum“, sondern von der Sache selbst.
 

Hamsun begann manche seiner Werke so direkt, dass Titel und Anfang fast übereinstimmten, wie zum Beispiel in seinem Roman „Hunger“:

Es war in jener Zeit, als ich in Kristiana umherging und hungerte …


Annette v. Droste-Hülshoffs „Judenbuche“ hält sich nicht lange mit der Vorrede auf:

Friedrich Mergel, geboren 1738, war der einzige Sohn eines sorgenvollen Halbmeiers oder Grundeigentümers geringerer Klasse im Dorfe B.


Ebenso Ricarda Huch in „Wonnebald Pück“:

Über Berge, auf denen der Schnee noch nicht geschmolzen war, ging Lux Bernkule, ein junges verwitwetes Weib, mit ihren zwei Kindern, dem zehnjährigen Brun und der kaum dreijährigen Lisutt, nach dem jenseitigen Orte Klus, der ihre Heimat werden sollte.


Patricia Highsmith sagt dazu:

In der Annahme, daß der Leser sein Auge oder Gehirn nicht gerne der Anstrengung eines langen Abschnitts von dreißig Zeilen aussetzt, ziehen manche Autoren einen kurzen Eingangsabschnitt von einer bis sechs Zeilen vor. Ich finde, daß daran etwas ist. Thomas Mann z. B. kann einen langen, soliden Absatz an den Anfang von Tod in Venedig setzen, aber nicht jedermann schreibt so anregende Prosa wie er.

Buchanfänge

Aus Dichters Schreibstube

In manchen Texten kommen die Autoren im Anfang selbst zu Wort

Buchanfänge

Manche Schriftsteller nennen im ersten Satz die Hauptfigur

In alten Stilschulen wurde gelehrt, dass ein Text langsam beginnen solle und es stilistisch falsch sei, gleich zu Anfang eine Person zu nennen oder zu beschreiben. Aber das gilt heute nicht mehr. Viele Schriftsteller haben in ihren Anfängen die Hauptfigur benannt:

Buchanfänge

oder beginnen mit dem Wetter:

Buchanfänge

Manche Erzähler nennen Zeitangaben

Buchanfänge

oder beginnen mit einem Ort

Buchanfänge

Sie können mit einer Feststellung beginnen

Einer der berühmtesten Buchanfänge, Tolstois „Anna Karenina“ beginnt mit einer nüchternen Feststellung und weist mit den folgenden Sätzen auf das unerhörte Ereignis, auf das Unheil hin:

Buchanfänge

oder mit einem Gespräch oder einer Anrede

Buchanfänge

Der Anfang mancher Werke ist zynisch

Buchanfänge

oder unheilschwanger
Es war ein strahlend kalter Apriltag, und die Uhren schlugen 13. (Orwell, 1984)

John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte. (Sten Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit)

Es war jetzt Essenszeit, und sie saßen unter dem doppelten grünen Sonnendach des Speisezelts, als wäre nichts passiert. (Hemingway, Das kurze Glück im Leben des Francis Macomber)

Mir ist nicht geheuer, wenn ich geschlossene Türen sehe. (Joseph Heller, Was geschah mit Slocum)

Er wußte, daß die Blicke der Knaben ihn umlauerten, daß jede Blöße, die er sich gab, sein Verderben sein konnte. (Hermann Ungar, Die Klasse)

Es traf ihn unvorbereitet. (Siegfried Lenz, Der Verlust)

Ich fühlte, daß es kommen würde. (Jean Giono, Der Berg der Stummen)

Offen gesagt: Ich werde noch schlimmer enden, als ich angefangen habe. (Céline, Von einem Schloß zum andern)

Ich bin ein kranker Mensch … bin ein boshafter Mensch … bin ein abstoßender Mensch. (Dostojewski, Aufzeichnungen aus dem Kellerloch)

Natürlich! Nervös, ganz schauerlich nervös war ich und bin ich! Doch warum wollt ihr mich wahnsinnig nennen? Die Krankheit hatte meine Sinne geschärft, nicht sie zerstört oder abgestumpft — vor allem das Gehör. Ich hörte alles im Himmel und auf Erden. Ich hörte vieles aus der Hölle. Wieso bin ich dann wahnsinnig? Horcht. (Poe, Verräter)

Er sah aus wie der Gott des Alten Testaments ohne Bart. (Dürrenmatt, Durcheinandertal)

Die dabeigewesen sind, die letzten, die ihn noch gesprochen haben, Bekannte durch Zufall, sagen, daß er an dem Abend nicht anders war als sonst, munter, nicht übermütig. (Frisch, Mein Name sei Gantenbein)


Kafka bevorzugte einen derartigen Anfang:

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (Der Prozeß)

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. (Die Verwandlung)

Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen. Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor. (Das Schloß)
 


 

Buchanfänge

Über das Schreiben der ersten Sätze

Das Letzte, was man findet, wenn man ein Werk schreibt, ist,
zu wissen, was man an den Anfang stellen soll.
Blaise Pascal


Viele bekannte Schriftsteller haben lange über die Anfangssätze „gebrütet“, haben gestrichen und gefeilt, bis sie die richtigen Worte fanden. Und manchmal fanden sie die Sätze auch nicht, obwohl die Bücher später Welterfolge wurden. Am Anfang von Tolstois „Krieg und Frieden“ können Sie sehen, dass Ihr Text bestehen kann, selbst wenn Sie den Beginn unverändert lassen. Alles übrige muss nur gut sein.

„Eh bien, mon prince, Genua und Lucca sind weiter nichts mehr als Apanage-Güter der Familie Bonaparte. Nein, ich erkläre ihnen, wenn Sie mir nicht sagen, daß wir Krieg bekommen werden, und wenn Sie sich noch einmal unterstehen, alle Schandtaten und Grausamkeiten dieses Antichristen in Schutz zu nehmen (denn daß er der Antichrist ist, das glaube ich), so kenne ich Sie nicht mehr. Vous n‘êtes plus mon ami, vous n‘êtes plus mein treuer Sklave, comme vous dites. Vor allem aber: Guten Abend, guten Abend. Je vois que je vous fais peur. Setzen Sie sich und erzählen Sie.“
So sprach im Juni 1805 das bekannte Hoffräulein Anna Pawlowna Scherer, die Vertraute der Kaiserin Maria Fjodorowna, als sie den Fürsten Wassilij empfing, einen hohen, einflußreichen Beamten, der als erster zu ihrer Abendgesellschaft erschien.

Patricia Highsmith berichtet über ein Autor, der manchmal zehn Tage mit dem Schreiben der ersten Seite verbringe. Das erschiene ihr zwar zuviel, aber sie hätte auch schon drei verschiedene Fassungen an einem Tag geschafft. Wenn sie immer noch nicht zufrieden sei, gehe sie zur zweiten Seite über und nähme sich die erste Seite am nächsten Tag vor.

Viele Autoren denken so viel über ihre Anfangssätze nach, dass sie darüber die Geschichte vergessen und der Anfang kaum etwas mit dem eigentlichen Text zu tun hat. Meist merkt das der Leser nach einigen Seiten, fragt sich, was der Autor damit bezwecke, und klappt das Buch zu. Roger MacBride Allen gibt dafür ein Beispiel:

Sarah ging das Seitenschiff der Kirche entlang, noch immer im unklaren darüber, warum sie zugestimmt hatte, eine Giraffe zu heiraten. Der Bräutigam, der ruhig am Altar wartete, strahlend in einer schwarzen Krawatte, geschniegelt und gestriegelt, schwang seinen langen Hals herum und beobachtete ihr Näherkommen, gelassen wiederkäuend während all der Zeit.

Recht verrückt, oder? Die ganze Absicht einer solchen Eröffnung liegt darin, sich den Leser fragen zu lassen, wie es überhaupt zu dieser Situation hat kommen können. Okay, ich habe es selbst geschrieben, und ich habe nicht die geringste Ahnung.

Bei manchen Autoren ist es umgekehrt. Birgit Vandenbeke bringt ihren ersten Satz „aus dem Traum“ mit, oder „er sonstwie plötzlich da“, und ihr Schlusssatz ist „auch mit einemmal ‚da‘. Meistens überraschend“. Terézia Mora berichtet, dass sie nicht anfangen könne, bevor sie den richtigen Anfangssatz gefunden habe „Der kommt meist ganz plötzlich, bei einer völlig anderen Tätigkeit.“
 


Wie wahr ist: Enden ist schwerer als anfangen …


Buchanfänge

Merksätze




 

Buchanfänge

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