„Es war einmal“ oder „Als das Wünschen noch erlaubt war“: so beginnen die schönsten Geschichten. Als Kinder waren wir sofort in der Geschichte und kämpften mit dem Bösen, fühlten uns als arme, bedauernswerte Kinder im tiefen, finsteren Wald, schliefen hinter Dornen oder in einem gläsernen Sarg, fürchteten uns, wußten, der Königssohn wird uns im rechten Augenblick retten.
- Die großen „W“
- Das Ende im Anfang
- Geben Sie Ihrem Anfang eine Richtung
- Dreißig Zeilen oder dreißig Wörter?
- Aus Dichters Schreibstube
- In manchen Texten kommen die Autoren im Anfang
- Manche Schriftsteller nennen im ersten Satz die Hauptfigur
- oder beginnen mit dem Wetter
- Manche Erzähler nennen Zeitangaben
- oder beginnen mit einem Ort
- Sie können mit einer Feststellung beginnen
- oder mit einem Gespräch oder einer Anrede
- Der Anfang mancher Werke ist zynisch
- oder unheilschwanger
- Über das Schreiben der ersten Sätze
- Merksätze
„Es war einmal eine Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange ein Kind“ — wie prosaisch klänge: „Ein Mann und eine Frau wünschten sich schon lange ein Kind.“ Bei Lukas 2,1 stand in den früheren Ausgaben der Bibel: „Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzet würde.“ Hier weist die poetische Form auf das besondere Ereignis hin. In der Einheitsübersetzung aus dem Jahre 1979 steht: „In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen.“ so kann man die Worte von Lukas auch übersetzen — wer tat wann waswarum —, aber es ist nur ein Satz, nichts weiter.
Aber diese Fälle sind eine Ausnahme. Nicht jedes Buch, jede Erzählung kann mit diesen Worten beginnen, im Gegenteil, Texte sollten überhaupt nicht mit Es beginnen. Eco schreibt dazu:
Am Anfang war da Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
Es war ein klarer spätherbstlicher
Morgen gegen Ende November.
Ihre Anfangssätze sollen den Leser anregen, werben, ihn neugierig machen, ihn in das Buch reinziehen, in die dreihundert Seiten dahinter, sollen ihn fesseln bis zum Schluss. Sie dürfen nichts Langweiliges und Überflüssiges enthalten. Anfänge können fesseln, mitreißen, schockieren, humorvoll sein, dramatisch, spannend. Sie können Inhaltsangabe sein, manchmal schon Zusammenfassung oder Absichtserklärung des Autors. Der Leser will staunen, erschrecken, er soll bei den ersten Sätzen merken: Das Weiterlesen lohnt sich.
Für einen guten Anfang, um Ihren Leser „herein zuziehen“, sind die vier ersten Fragen wichtig: Wer ist die Hauptperson? — nach den ersten zwei oder drei Kapiteln sollten Sie ohnehin keine neue Hauptfigur neu einführen —. Was hat sie getan? Wann und wo spielt Ihr Text? Die beiden anderen Fragen — Was hat sie getan? Warum hat sie es getan? — können Sie später beantworten.
Prüfen Sie jeden Zeitungsbericht, ob er diese Fragen berücksichtigt. Wenn nicht, fragen Sie, warum? Hat der Reporter nicht alles erfahren können? Denken Sie sich die Antwort aus — das übt Ihre Kreativität. Hat der Reporter nicht alles sagen wollen (oder dürfen)? Denken Sie sich aus, was ihn dazu bewogen hat — das übt Sie im Auffinden von Gründen. Hat er die Antwort vergessen? Denken Sie daran, dass das, was für einen Zeitungsbericht noch entschuldbar ist, Ihren nach allen literarischen Kriterien gut erzählten Text zerstört. Suchen Sie erst nach logischen Antworten und lassen Sie dann Ihre Phantasie walten.
Lesen Sie, wie Kleist in „Die Marquise von O“ die Hauptperson einführt, den Ort der Handlung bezeichnet, in dem die Novelle spielt, und vor allem, wie er die unerhörte Begebenheit schildert:
Auch Ina Seidel nennt in „Wunschkind“
die Hauptfigur, den Ort, das Datum und das unerhörte Ereignis:
Von Hamburg bis dort hinauf, das ist aber eine weite Reise; zu weit eigentlich im Verhältnis zu einem so kurzen Aufenthalt. Es geht durch mehrerer Herren Länder, bergauf und bergab, von der süddeutschen Hochebene hinunter zum Gestade des Schwäbischen Meeres und zu Schiff über seine springenden Wellen hin, dahin über Schlünde, die früher für unergründlich galten. Von da an verzettelt sich die Reise …
In einem Dorfe der Mancha, auf dessen Namen ich mich nicht besinnen mag, lebte vor nicht langer Zeit einer von jenen Edelleuten, welche einen Spieß am Lanzenbrett, einen alten Schild, ein mageres Roß und einen flinken Windhund besitzen.
Hamsuns Roman „Mysterien“ beginnt mit
dem Titel, der Vorwegnahme des Inhalts und dem Ziel. Aber dann schreibt
er weiter: „Doch dies alles ist nicht der Anfang …“
Um die Mitte des vorigen sommers war eine kleine norwegische Küstenstadt der Schauplatz einiger höchst ungewöhnlicher Begebenheiten. Ein Fremder tauchte auf, ein gewisser Nagel, ein merkwürdiger und eigentümlicher Scharlatan, der eine Menge auffallender Dinge trieb und ebenso plötzlich wieder verschwand, wie er gekommen war. Dieser Mann erhielt sogar einmal Besuch von einer geheimnisvollen jungen Dame, die in Gott weiß welcher Angelegenheit kam und nicht wagte, sich länger als ein paar Stunden am Orte aufzuhalten.
Umgekehrt fasst Alfred Neumann in seinem
Roman „Der Held“ das Ziel einer Pistole ins Auge, er legt an, visiert und
lässt den Schuss auf Seite 170 fallen:
Das Haus des Revolutionsministers lag in so geringer Entfernung vom Parlament, daß der Hochverräter — wie er von Hubert Hoff und seinen Freunden genannt wurde — nur in ganz seltenen Fällen den Kraftwagen zu benutzen pflegte. Das wußte man. Man kannte auch die Stunde, in der er, begleitet von seinem verwachsenen und scheuen Sekretär, im Hauptportal des barocken Baus auftauchte, kurzbeinig und fest die Allee zum Parktor durcheilte, vor den beiden salutierenden Matrosenposten höflich und etwas lächerlich den Hut zog und immer den gleichen Zehnminutenweg wählte. Man hatte sich sehr große Mühe gegeben, jede Sekunde dieses wichtigen Stundensplitters auf ihre Eignung zu untersuchen. Man wußte jetzt Bescheid und kannte den gültigen Augenblick. Man kannte sogar — und es schauderte vor solchem Weitblick keinem — das Stück des Bürgersteigs, das unter die erwählte Spanne Zeit zu liegen kam (auf das der Blitz einschlagen wird, formulierte Hoff): fünfzehn gute Meter zwischen einem Gully und der Bordschwelle einer stillen Querstraße.
Und doch ist dieser Beginn sinnvoll,
weil in dem Roman geschildert wird, wie der Hochverräter Hoff an seelischer
Spannung zugrunde geht, und der Anfang auf Geschehen und Charakter zugleich
hinweist.
Büchner nennt in „Lenz“ die Hauptfigur,
den Ort und die Zeit und weist mit dem Satz „Müdigkeit spürte
er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf
dem Kopf gehen konnte auf den Wahnsinn von Lenz hin.
Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen.
Es war naßkalt; das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht — und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump.
Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf-, bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte.
In den Anfangssätzen der Kurzgeschichte
„Als die Standuhr dreimal schlug …“ sind im Anfang Ort und Zeit enthalten
und mit den Anfangstakten der Schicksalssymphonie wird auf das unerhörte
Ereignis hingewiesen:
Die alte Standuhr im Flur holte Luft und begann zu schlagen. Elisabeth Hannemann schreckte hoch. Sie legte die Illustrierte auf den Tisch neben dem Ohrensessel, nahm die Brille ab, zählte die Schläge: eins... Zwei... drei — drei Uhr: endlich Zeit für ihren Nachmittagskaffee. Sie schlurfte in die Küche, ließ Wasser in den Kessel laufen, stellte ihn auf die Herdplatte, schob die Brille wieder auf die Nase und bückte sich ächzend, um die winzigen Symbole zu erkennen. Schließlich schaltete sie auf drei.
Während Elisabeth darauf wartete, dass das Wasser kochte, pochte sie gedankenverloren die Anfangstakte ihrer Lieblingssymphonie auf den Küchentisch: da da da daaa...
Auch der Anfang von Charles Simmons
Roman „Salzwasser“ enthält Spannung und Perspektive, das besondere
Ereignis und den Wendepunkt:
Im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank.
Irving beschreibt in seinem Buch „Zirkuskind“
den Schriftsteller Farraokh, der zum erstenmal das Gefühl hatte,
daß er kapiert hatte, wie eine Geschichte anfangen mußte. Die Figuren wurden durch das Schicksal, das sie erwartete, in Bewegung versetzt. Der Ausgang der Geschichte war in gewisser Weise als Keim schon in der Anfangsszene enthalten.
Der Anfang von Brechts „Vier Männer
und ein Pokerspiel“ ist ein gutes Beispiel dafür.
Sie saßen auf Korbstühlen in Havanna und vergaßen die Welt. Wenn es ihnen zu heiß wurde, tranken sie Eiswasser, abends tanzten sie Boston im Atlantic-Hotel. Sie hatten alle vier Geld.
In den Zeitungen stand über sie, daß sie große Leute wären. Wenn sie es dreimal gelesen hatten, warfen sie die Zeitungen ins Meer. Oder sie hielten die Zeitung mit zwei Händen fest und durchbohrten sie mit der Schuhspitze. Drei von ihnen hatten vor zehntausend Menschen Rekorde geschwommen, der vierte die zehntausend auf die Beine gebracht. Als sie ihre Gegner geschlagen und die Zeitungen gelesen hatten, schifften sie sich ein. Mit gutem Geld kehrten sie zurück nach New York.
Diese Geschichte könnte man eigentlich nur unter Jazzbegleitung richtig erzählen. Sie ist von A bis Z Poetisch. Sie fängt an mit Zigarrenrauch und Gelächter und endet mit einem Todesfall.
Ein einziger Satz ist gesprochen, und schon sind Licht, Stimmung und Stoffkreis der Erzählung festgelegt. Es gibt kein Entrinnen mehr, nur noch ein Weiter auf dem vorgezeichneten Weg. So also steht es mit dem Anfang. Er ist eine Beschwörung …So legen Sie sich fest, wenn Sie „rasant“, besonders originell, beginnen. Viele Bücher leiden darunter, dass der Schreiber dieses Tempo nicht durchhält. Und wenn Sie doch so beginnen möchten, so „schalten“ Sie schnell zurück, damit Sie das Tempo noch steigern. Umgekehrt müssen Sie, wenn Sie lakonisch beginnen, diese Lakonie den ganzen Text über durchhalten.
Der Eintritt in einen Roman ist wie der Aufbruch zu einer Bergtour: Man muß sich an den Atem gewöhnen, an eine bestimmte Gangart, sonst kommt man bald aus der Puste und bleibt zurück. … Manche Romane atmen wie Gazellen, andere wie Wale oder Elefanten, schreibt Eco.
Hamsun begann manche seiner Werke so direkt, dass Titel und Anfang fast übereinstimmten, wie zum Beispiel in seinem Roman „Hunger“:
Es war in jener Zeit, als ich in Kristiana umherging und hungerte …
Annette v. Droste-Hülshoffs „Judenbuche“
hält sich nicht lange mit der Vorrede auf:
Friedrich Mergel, geboren 1738, war der einzige Sohn eines sorgenvollen Halbmeiers oder Grundeigentümers geringerer Klasse im Dorfe B.
Ebenso Ricarda Huch in „Wonnebald Pück“:
Über Berge, auf denen der Schnee noch nicht geschmolzen war, ging Lux Bernkule, ein junges verwitwetes Weib, mit ihren zwei Kindern, dem zehnjährigen Brun und der kaum dreijährigen Lisutt, nach dem jenseitigen Orte Klus, der ihre Heimat werden sollte.
Patricia Highsmith sagt dazu:
In der Annahme, daß der Leser sein Auge oder Gehirn nicht gerne der Anstrengung eines langen Abschnitts von dreißig Zeilen aussetzt, ziehen manche Autoren einen kurzen Eingangsabschnitt von einer bis sechs Zeilen vor. Ich finde, daß daran etwas ist. Thomas Mann z. B. kann einen langen, soliden Absatz an den Anfang von Tod in Venedig setzen, aber nicht jedermann schreibt so anregende Prosa wie er.
Das Buch handelt weitgehend von Hobbits, und aus seinen Seiten kann ein Leser viel über ihren Charakter und ein wenig über ihre Geschichte erfahren. (Tolkien, Herr der Ringe)
Dieses Buch enthält die uns gebliebenen Aufzeichnungen jenes Mannes, welchen wir mit einem Ausdruck, den er selbst mehrmals gebrauchte, den „Steppenwolf“ nannten. (Hesse, Der Steppenwolf)
Es gibt Dinge, die man fünfzig Jahre weiß, und im einundfünfzigsten erstaunt man über die Schwere und Furchtbarkeit ihres Inhalts. (Stifter, Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842)
Es wäre vielleicht dramaturgisch überaus wirkungsvoll, wenn ich meine Geschichte in dem Moment beginnen ließe, als mich Arnold Baffin anrief und sagte: „Bradley, kannst du bitte mal herüberkommen? Ich glaube, ich habe eben meine Frau umgebracht.“ (Iris Murdoch, Der schwarze Prinz)
In einer gewissen Stadt, die ich
aus mancherlei Gründen vorsichtshalber nicht nennen will und der ich
auch keinen erdichteten Namen beilegen will, befindet sich unter anderen
öffentlichen Gebäuden eines, das von alters her in den meisten
Städten, seien sie nun groß oder klein, allgemein üblich
ist: nämlich ein Armenhaus. (Dickens, Oliver Twist)
Im vorigen Jahr, am Abend des zweiundzwanzigsten März, erlebte ich etwas sehr Seltsames. (Dostojewski, Erniedrigte und Beleidigte)
In den letzten Tagen dachte ich an des Nordlandsommers ewigen Tag. Ich sitze hier und denke an ihn und an eine Hütte, in der ich wohnte, und an den Wald hinter der Hütte, und ich mache mich daran, einiges niederzuschreiben, um die Zeit zu verkürzen. (Hamsum, Pan)
Obwohl ich ein alter Mann bin, ist die Nacht meine liebste Zeit zum Spazierengehen. (Dickens, Raritäten-Laden)
Ich bin nicht Stiller. (Frisch, Stiller)
Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen. (Uwe Johnson, Mutmaßungen über Jakob)
Ilsebill salzte nach. (Grass, Der Butt)
Scarlett O‘Hara war nicht eigentlich
schön zu nennen. (Margaret Mitchell, Vom Winde verweht)
Es war ein verrückter, schwüler Sommer, der Sommer, als die Rosenbergs auf den Elektrischen Stuhl kamen, und ich wußte nicht, was ich in New York sollte. (Sylvia Plath, Die Glasglocke)
Bei 33 Grad im Schatten lag der Boulevard Bourdon vollständig verlassen da. (Flaubert, Bouvard und Pécuchet)
Die Sonne tauchte blutrot, winzig und vergrämt aus den Nebeln. (Joseph Roth, Die hundert Tage)
Er ertrug es nicht länger, ruhig im Wagen zu sitzen; er stieg aus und ging auf und ab. Es war schon dunkel; die wenigen Laternenlichter in dieser stillen, abseits liegenden Straße flackerten, vom Winde bewegt, hin und her. Es hatte aufgehört zu regnen; die Trottoirs waren beinahe trocken; aber die ungepflasterten Fahrstraßen waren noch feucht, und an einzelnen Stellen hatten sich kleine Tümpel gebildet.
Hu! Es ist hier gar nicht heimisch, ein jeder Federstrich hallt wider, wenn der Sturm eine Pause macht. (Brentano, Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter)
Der Januarsturm fegte von Westen her durch den Kanal, er orgelte in der Takelage und jagte immer wieder schwarze Regenböen vor sich her. (C. S. Forester, Fähnrich Hornblower)
Der Orkan, das war ein Vogelschwarm hoch oben in der Nacht; ein weißer Schwarm, der rauschend näherkam und plötzlich nur noch die Krone einer ungeheuren Welle war, die auf das Schiff zusprang. (Ransmayr, Die letzte Welt)
Am Freitag, dem 20. Juli 1714, um die Mittagsstunde, riß die schönste Brücke in ganz Peru und stürzte fünf Reisende hinunter in den Abgrund. (Thorton Wilder, Die Brücke von San Luis Rey)
Während des Sezessionskrieges wurde in Baltimore von alten Soldaten ein Club gegründet, der in kurzer Zeit großen Einfluß gewann. Es ist bekannt, daß sich auch der militärische Instinkt bei den Amerikanern, diesem Reeder-, Kaufmanns- und Techniker-Volk, kräftig entwickelt hat, und daß sie in kurzer Zeit von den Kriegskünstlern der alten Welt gelernt hatten: man siegt am besten, wenn man reichlich Kugel-, Dollar- und Menschenmaterial bereitstellt. (Verne, Die Reise zum Mond)
An einem Junimorgen des Jahres 1872 schlug ich meinen Vater tot — eine Tat, die damals tiefen Eindruck auf mich machte. (Ambrose Bierce, An Imperfect Conflagration)
Jahrhundertelang haben Habsburg und
Bourbon auf Dutzenden deutscher, italienischer, flandrischer Schlachtfelder
um die Vorherrschaft Europas gerungen; endlich sind sie müde, alle
beide. (Stefan Zweig, Marie Antoinette)
Es ist sonderbar, dachte Franz, wie man sich hier, hundert Schritt von der Praterstraße, in irgendeine ungarische Kleinstadt versetzt glauben kann. Immerhin — sicher dürfte man hier wenigstens sein; hier wird sie keinen ihrer gefürchteten Bekannten treffen. (Schnitzler, Die Toten schweigen)
Was man in dem kleinen Seehafen Colebrook von Kapitän Hagberd wußte, sprach nicht besonders zu seinen Gunsten. (Joseph Conrad, Morgen)
In einem der Hauskolosse der Gorochowaja, dessen Bevölkerung für eine ganze Kreisstadt gereicht hätte, rekelte sich eines Morgens Ilja Iljitsch Oblomow, Inhaber einer eigenen Wohnung, in seinem Bette. (Gontscharow, Oblomow)
Wir verließen Perekop in der gemeinsten Stimmung — hungrig wie die Wölfe und wütend auf die ganze Welt. (Gorki, In der Steppe)
Ich hatte eine Farm in Afrika am
Fuße der Ngongberge. Hundert Meilen nördlich lief der Äquator
durchs Hochland, aber die Farm lag in einer Höhe von über zweitausend
Metern. Da spürt man tagsüber die Höhe, die Nähe der
Sonne, aber die Morgenfrühe und die Abende sind klar und friedvoll,
und die Nächte sind kalt. (Tanja Blixen, Jenseits von Afrika)
Im Hause der Oblonskijs herrschte allgemeine Verwirrung. Die Dame des Hauses hatte in Erfahrung gebracht, daß ihr Gatte mit der früheren französischen Gouvernante ein Verhältnis unterhalten hatte, und ihm erklärt, sie könne fürderhin nicht mehr mit ihm unter einem Dache bleiben.
Jeder bekommt die Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. (Heimito von Doderer, Ein Mord, den jeder begeht)
Ja, wir sind Landstreicher auf Erden. (Hamsun, Das letzte Kapitel)
Der Knabe war klein, die Berge waren
ungeheuer. (Heinrich Mann, Die Jugend des Henri Quatre)
„Und darum eben“, schloß der Geheimrat. In seiner ganzen Würde hatte er sich erhoben und gesprochen. Charlotte hatte ihn nie so gesehen. Der Zorn strömte über die Lippen, bis vor dem Redefluß des Kindermädchens die allezeit fertige Zunge verstummte. (Willibald Alexis, Ruhe ist die erste Bürgerpflicht)
„Geht‘s wieder hinauf?“
„Im Gegenteil, hinunter!“
„Wir stürzen ab, Herr Smith.“
„Gott, den Ballast raus!“
„Der letzte Sack ist auch schon leer.“
„Steigt der Ballon?“
„Nein!“
(Verne, Die geheimnisvolle Insel)
„Es ist gar nicht lange her“, sagte er endlich, „da hätte ich Sie noch ebensogut führen können wie mein jüngster Sohn. Vor etwa drei Jahren indessen passierte mir etwas, was nie einem Sterblichen vorher begegnete, was jedenfalls keiner bisher überlebt hat, um davon erzählen zu können. Die sechs Stunden Todesangst, die ich durchmachen mußte, haben mich an Leib und Seele gebrochen. Sie halten mich sicher für hochbetagt, aber ich bin‘s nicht. In weniger als Tagesfrist sind diese einst kohlrabenschwarzen Haare weiß geworden und meine Glieder und Nerven so schwach, daß ich bei der geringsten Anstrengung zittere und mich vor einem Schatten fürchte. Ich kann kaum noch von dieser kleinen Klippe hinunterschauen, ohne schwindlig zu werden.“
Die ‚kleine Klippe‘, an deren äußerstem, obendrein schlüpfrigem Rande er sich so leichtsinnig hingestreckt hatte, daß nur die aufgestützten Ellbogen den großenteils überhängenden Körper vor dem Absturz bewahrten — diese ‚kleine Klippe‘ ragte als steiler, glänzend schwarzer Felsen etwa fünfzehn- bis sechzehnhundert Fuß hoch aus einer Welt von Zacken und Spitzen herauf. (Poe, Im Wirbel des Malstroms)
Call me Ishmael. (Melville, Moby Dick)
Dies also, dies ist das Leben, Michael Unger? (Ricarda Huch, Michael Unger)
Ich bin ein Kind des Kindergelds und eines arbeitsfreien Tages. (Christine Rochefort, Kinder unserer Zeit)
Die Leiche lag mitten im Zimmer, zwischen Tisch und Bett. (Kirst, Die Nacht der Generale)
Der Umstand, daß er begraben wurde, schien Henry Armstrong kein Beweis, daß er tot sei; ihn zu überzeugen war schon immer schwer gewesen. (Bierce, One Summernight)
Sehr geehrter Herr Lampart, Sie haben meinen Mann getötet. Darüber möchte ich mit Ihnen reden. (Fritz Dinkelmann, Das Opfer)
Am Nachmittag meines 81. Geburtstags,
als ich mit meinem Buhlknaben im Bett lag, kam Ali und sagte, der Erzbischof
wolle mich sprechen. (Anthony Burgess, Der Fürst der Phantome)
Es war ein strahlend kalter Apriltag, und die Uhren schlugen 13. (Orwell, 1984)John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte. (Sten Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit)
Es war jetzt Essenszeit, und sie saßen unter dem doppelten grünen Sonnendach des Speisezelts, als wäre nichts passiert. (Hemingway, Das kurze Glück im Leben des Francis Macomber)
Mir ist nicht geheuer, wenn ich geschlossene Türen sehe. (Joseph Heller, Was geschah mit Slocum)
Er wußte, daß die Blicke der Knaben ihn umlauerten, daß jede Blöße, die er sich gab, sein Verderben sein konnte. (Hermann Ungar, Die Klasse)
Es traf ihn unvorbereitet. (Siegfried Lenz, Der Verlust)
Ich fühlte, daß es kommen würde. (Jean Giono, Der Berg der Stummen)
Offen gesagt: Ich werde noch schlimmer enden, als ich angefangen habe. (Céline, Von einem Schloß zum andern)
Ich bin ein kranker Mensch … bin ein boshafter Mensch … bin ein abstoßender Mensch. (Dostojewski, Aufzeichnungen aus dem Kellerloch)
Natürlich! Nervös, ganz schauerlich nervös war ich und bin ich! Doch warum wollt ihr mich wahnsinnig nennen? Die Krankheit hatte meine Sinne geschärft, nicht sie zerstört oder abgestumpft — vor allem das Gehör. Ich hörte alles im Himmel und auf Erden. Ich hörte vieles aus der Hölle. Wieso bin ich dann wahnsinnig? Horcht. (Poe, Verräter)
Er sah aus wie der Gott des Alten Testaments ohne Bart. (Dürrenmatt, Durcheinandertal)
Die dabeigewesen sind, die letzten, die ihn noch gesprochen haben, Bekannte durch Zufall, sagen, daß er an dem Abend nicht anders war als sonst, munter, nicht übermütig. (Frisch, Mein Name sei Gantenbein)
Kafka bevorzugte einen derartigen Anfang:
Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (Der Prozeß)Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. (Die Verwandlung)
Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen. Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor. (Das Schloß)
Viele bekannte Schriftsteller haben
lange über die Anfangssätze „gebrütet“, haben gestrichen
und gefeilt, bis sie die richtigen Worte fanden. Und manchmal fanden sie
die Sätze auch nicht, obwohl die Bücher später Welterfolge
wurden. Am Anfang von Tolstois „Krieg und Frieden“ können Sie sehen,
dass Ihr Text bestehen kann, selbst wenn Sie den Beginn unverändert
lassen. Alles übrige muss nur gut sein.
„Eh bien, mon prince, Genua und Lucca sind weiter nichts mehr als Apanage-Güter der Familie Bonaparte. Nein, ich erkläre ihnen, wenn Sie mir nicht sagen, daß wir Krieg bekommen werden, und wenn Sie sich noch einmal unterstehen, alle Schandtaten und Grausamkeiten dieses Antichristen in Schutz zu nehmen (denn daß er der Antichrist ist, das glaube ich), so kenne ich Sie nicht mehr. Vous n‘êtes plus mon ami, vous n‘êtes plus mein treuer Sklave, comme vous dites. Vor allem aber: Guten Abend, guten Abend. Je vois que je vous fais peur. Setzen Sie sich und erzählen Sie.“So sprach im Juni 1805 das bekannte Hoffräulein Anna Pawlowna Scherer, die Vertraute der Kaiserin Maria Fjodorowna, als sie den Fürsten Wassilij empfing, einen hohen, einflußreichen Beamten, der als erster zu ihrer Abendgesellschaft erschien.
Patricia Highsmith berichtet über ein Autor, der manchmal zehn Tage mit dem Schreiben der ersten Seite verbringe. Das erschiene ihr zwar zuviel, aber sie hätte auch schon drei verschiedene Fassungen an einem Tag geschafft. Wenn sie immer noch nicht zufrieden sei, gehe sie zur zweiten Seite über und nähme sich die erste Seite am nächsten Tag vor.
Viele Autoren denken so viel über ihre Anfangssätze nach, dass sie darüber die Geschichte vergessen und der Anfang kaum etwas mit dem eigentlichen Text zu tun hat. Meist merkt das der Leser nach einigen Seiten, fragt sich, was der Autor damit bezwecke, und klappt das Buch zu. Roger MacBride Allen gibt dafür ein Beispiel:
Sarah ging das Seitenschiff der Kirche entlang, noch immer im unklaren darüber, warum sie zugestimmt hatte, eine Giraffe zu heiraten. Der Bräutigam, der ruhig am Altar wartete, strahlend in einer schwarzen Krawatte, geschniegelt und gestriegelt, schwang seinen langen Hals herum und beobachtete ihr Näherkommen, gelassen wiederkäuend während all der Zeit.Bei manchen Autoren ist es umgekehrt. Birgit Vandenbeke bringt ihren ersten Satz „aus dem Traum“ mit, oder „er sonstwie plötzlich da“, und ihr Schlusssatz ist „auch mit einemmal ‚da‘. Meistens überraschend“. Terézia Mora berichtet, dass sie nicht anfangen könne, bevor sie den richtigen Anfangssatz gefunden habe „Der kommt meist ganz plötzlich, bei einer völlig anderen Tätigkeit.“Recht verrückt, oder? Die ganze Absicht einer solchen Eröffnung liegt darin, sich den Leser fragen zu lassen, wie es überhaupt zu dieser Situation hat kommen können. Okay, ich habe es selbst geschrieben, und ich habe nicht die geringste Ahnung.