Den historischen Zeitpunkt gefunden zu haben für eine Wende
in der Betrachtung und Behandlung des Menschengeschlechts, das bleibt das
immerwährende Verdienst der nunmehr allseits bekannten und verehrten
Doping-Forscherin und Soziologin Vera Long.
Mit ihr sprach Gunnar Lonlyson von der internationalen Wochenzeitung
Saturday Midnight Post.
Gunnar Lonlyson: Sie haben dem Doping zu internationaler Anerkennung
verholfen, wie kam es dazu?
Vera Long: Sicher. Noch nicht lange ist es her, da war jegliches
Doping verpönt (nur wenige Jahrzehnte zuvor sogar unbekannt.) Das
lag nicht zuletzt daran, das die früheren Formen des Dopings gesundheitsschädlich
waren. Wer erinnert sich nicht an auf der Zielgeraden zusammenbrechende
Marathonläufer, oder an Frauen, die sich hormonell in Männer
verwandelten, psychisch aber Frauen blieben, an sportliche Leistungen,
die nur deshalb nicht anerkannt wurden, weil sie auf den Reißbrettern
von Wissenschaftlern und in den Retorten der Pharmakonzerne entstanden.
Nicht einmal immer mit dem Wissen der Betroffenen Sportlerinnen und Sportler.
Gunnar Lonlyson: Die Sache mit dem Schnupfen?
Vera Long: Harmlose Schnupfenmittel bedeuteten in nicht wenigen
Fällen das Ende der Karriere der Sportler. Endlose Prozesse vergifteten
die Atmosphäre und führten zur Sperrung von Spitzensportlern,
für die anschließend ein Comeback kaum noch möglich war,
für mehrere Jahre.
Ist es etwa einzusehen, das Ärzte den Kindern der Sportlerinnen
Nasentropfen verordneten, diese aber dann für Wettkämpfe gesperrt
wurden, weil sie die gleichen Mittel einnahmen?
Gunnar Lonlyson: Schaffte das Doping nicht ungerechtfertigte
Vorteile für einzelne Sportlerinnen oder Sportler?
Vera Long: Das ist ein Vorurteil. Jeder hatte ja schließlich
Zugriff zu diesen Mitteln. Und sie waren viel preiswerter als etwa eine
Stunde Training auf dem Tennisplatz. Dabei ersetzte das Doping keineswegs
das Training, sondern es ergänzte es nur. Anabolika ohne Training
schafften keine Muskeln. Die Zuschauer wollen Rekorde sehen und damit bestand
eine öffentliche Verpflichtung, Rekorde zu schaffen. Neid und Mißgunst
bestimmten allerdings leider lange Zeit die Szene. Die Sportmediziner rührten
in der Vergangenheit und im Urin. Damals entstand die berühmte Frage:
„Wessen Urin pinkeln Sie?“
Gunnar Lonlyson: Führte das nicht dazu, daß die Zuschauer
aus den Stadien verschwanden?
Vera Long: In dieser Zeit war der Sport bereits aus den Stadien
verlagert, er fand nunmehr in den Stuben statt. Die Produktion von Farbfernsehern
wurde angekurbelt, von Farbfernsehern, die immer weiter verbessert wurden
und schließlich duales, triales oder gar tetrales Sehen ermöglichten.
Während die Spitzensportler vom Schnupfen geplagt wurden, sanken
die Einschaltquoten und damit die Werbeeinnahmen der Fernsehgesellschaften
mehr und mehr. Ende der Neunziger Jahre drohte sogar die Gefahr, daß
echte Sportler durch Computeranimationen ersetzt wurden, um die Quoten
wieder zu erhöhen. Ziel jeder Fernsehstation war die Vereinigung der
Menschheit auf einem Programm. Das war eine grober Fehler und wurde zum
Glück nicht verwirklicht: die Abschaffung der Fernbedienung wäre
Folge, Versteifung der Finger aus Mangel an Bewegung wäre die Spätfolge
dieses Dramas geworden.
Gunnar Lonlyson: Und dann hatten Sie die entscheidende Idee;
wie kam es dazu und worin bestand diese Idee?
Vera Long: Ich ersetzte das chemische Doping durch genetisches,
ein Verfahren, das zunächst nicht einmal als Doping bezeichnet wurde.
Den Durchbruch für diese Versuche ermöglichte das Gesetz über
die Freigabe der genetischen Feldversuche aus dem Jahre 1993, welches zunächst
Freilandversuche mit gentechnisch manipulierten Gemüsesorten erlaubte
und die Genehmigungsverfahren hierfür wesentlich vereinfachte. Seit
öffentliche Anhörungen nicht mehr Pflicht waren, beruhigte sich
die Bevölkerung sehr und die Versuche vervielfachte sich explosiv.
Sie sehen, wir nehmen die Verantwortung des Wissenschaftlers ernst.
Nun zum Verfahren selbst: Die Menschen erzeugen in ihrem Inneren alle
Stoffe, welche ihr Körper für die Erzielung von Rekorden benötigt.
Die persönliche Leistungsgrenzeverliert ihre relative, ihre zufällige
Bedeutung, sie wird absolut. Jeder Mensch ist in seinen Grenzen streng
determiniert. Leider schöpft kaum ein Mensch diese Grenzen wirklich
aus. Unsere Forschung hatte zwei Ziele: zum ersten, diese Leistungsgrenzen
zu erkennen und zu nutzen, ohne sie zu überschreiten und damit einen
Kollaps zu erzeugen, zum zweiten, dem Organismus zu ermöglichen, seine
Leistungsgrenzen selbst maßzuschneidern. Hierzu ...
Gunnar Lonlyson: Das zweite Ziel erreichten Sie durch genetisches
Doping?
Vera Long: Ja. doch lassen Sie mich zum ersten noch etwas sagen.
Dieses zu erreichen war weitaus schwieriger. Wir tasteten uns langsam an
die Grenzen ...
Gunnar Lonlyson: Ist das genetische Doping ...
Vera Long: Bitte unterbrechen Sie mich nicht. Die Grenzen des
einzelnen Individuums sind durchaus verschieden. Zum Beispiel wirken bei
Belastung Scherkräfte auf die Knochen, bei Beschleunigung entstehen
Kräfte, die zur Masse proportional ...
Gunnar Lonlyson: Das genetische Doping erzeugt Menschen mit
zwei Beinen und zwei Armen. Finden Sie das normal? Ein gewöhnlicher
Mensch hat bekanntlich...
Vera Long: ...sind. Möchten Sie noch eine Tasse Kaffee?
Gunnar Lonlyson: Nein danke. Aber...
Vera Long: Glauben Sie etwa, Sie mit Ihren Tentakeln seien normal?
Sie haben zwar den Weltrekord im Tiefseetauchen erzielt, was aber nützt
Ihnen das in Ihrer beruflichen Karriere? Nur deshalb, weil dieses Ihr Interview
ohnehin niemand liest, wird es gedruckt. Aber meine genetischen Forschungen
geben Ihnen wieder eine Perspektive. Es gibt Pillen, die Sie zu einem Boxer
machen, die Gewichtsklasse können Sie sich aussuchen, ebenso Pillen
für Langstreckenläufer – oder Sie können sich in eine Schauspielerin
verwandeln, wir haben hier verschiedene Modelle im Angebot. Ihr Körper
selbst wandelt sich nach genetischer Anleitung, die in den Pillen versteckt
ist...
Gunnar Lonlyson: Wie lange dauert eine solche Verwandlung?
Vera Long: Das ist unterschiedlich, aber Sie können davon
ausgehen, wenn Sie am Abend eine Pille schlucken, so ist die Verwandlung
am nächsten Morgen abgeschlossen. Allerdings müssen sie darauf
achten ...
Gunnar Lonlyson: Ich könnte also auch Neandertaler werden?
Vera Long: Bitte lassen Sie mich doch ausreden. Vielleicht sind
Sie es schon. Doch Spaß beiseite: Sie dürfen nicht verpassen,
vor der Verwandlung zusätzlich die benötigten Aufbaustoffe zu
essen,
natürlich ist mit den Pillen weder ein Verstoß gegen den Energie-
noch gegen den Masseerhaltungssatz möglich. Diese veranlassen lediglich
Ihren Körper, sich aus vorhandenen Bausteinen, das sind Atome, Moleküle
und andere elementare Substanzen, mit seinen eigenen Mitteln umzubauen
und liefern ihm den entsprechenden Bauplan.
Gunnar Lonlyson: Vera Long, würden Sie bitte meinen Lesern
mitteilen, was solche Pillen kosten?
Vera Long: Sehen Sie, wir sind keine Geschäftemacher. Mir
geht es um die Forschung und um die Zukunft. Sofern die Einnahme gesundheitlich
oder auch aus gemeinnützigen Gründen erforderlich ist, ist die
Pille, natürlich mit der gesetzlich geregelten Zuzahlung, auf Rezept
erhältlich.
Gunnar Lonlyson: Da gibt es Perspektiven für die Pillen
doch auch außerhalb des Spitzensportes?
Vera Long: Ich denke da insbesondere an die faszinierenden Methoden
der Verkleinerung oder Vergrößerung. Zur Zeit paßt die
gesamte Menschheit in einen Würfel mit 1 km Kantenlänge. Nach
erfolgter Umwandlung würde sie in diese Streichholzschachtel passen,
hier, sehen Sie ...
Gunnar Lonlyson: Damit wäre das Problem der Überbevölkerung
gelöst!
Vera Long: Natürlich. Passen Sie doch auf, jetzt haben
sie die Schachtel mit den Microputanern heruntergeworfen. Sie sind aber
heute fitzig!
Gunnar Lonlyson: Ist das sehr schlimm?
Vera Long: ... Sie haben den Kaffee getrunken? Das ist sehr
gut. Fühlen Sie sich müde? Kommen Sie, legen sie sich hier im
Nachbarzimmer aufs Sofa. Ihr Kollege von der Leipziger Allgemeinen wartet
schon auf sein Interview. Gute Nacht.