Totentanz 1999

sag*Erde,*warum*tun*wir*das

Lyrik vom Hutschi

© 1987, 1999

Dresden, Erde, Galaxis

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Hilfe

Wir Toten tanzen, unsre Kleider rauschen,
es bläst der Wind, man sieht uns uns erheben,
wo noch die letzten Eiweißlachen leben,
da werden wir der stummen Eiswelt lauschen.


Geister

Wir Geister tanzen unsern Totentanz,
als neue Engel höherer Kultur,
wir laufen, eingehüllt in Folie ganz
durch unsre Mutter fauchende Natur.

Da klickt etwas, da ruft mich meine Pflicht,
die Zivilisten sind als erste fort,
ich scheine als das neue Himmelslicht,
die Wolkenaugen weinen leise dort.


Golch

Die Feuchtigkeit durchdringt die Alveolen,
die Mauer springt, die Krankheit triumphiert,
im kalten Ofen brennen kalte Kohlen,
wobei vor Hitze der Verstand gefriert.

In einem Erker wachsen Schimmelpilze,
von Schwammgeflecht ist Mauerwerk durchsetzt,
die Träger rostet sanft in seiner Hülse,
ein Dach zerfällt, nicht später, sondern jetzt.

Der Regen rinnt, das Wasser schuf einst Leben,
in dieser Stadt jedoch verdirbt es das,
wo Pseudopodien an den Wänden kleben,
da spricht der Golch: "Das Was. Das Was. Das Was."


Musik

Die Töne dringen sanft in jedes Ohr,
die Trommelfelle und das Bauchfell zittern,
die Luft zerreißt, das kommt nie wieder vor,
wobei die Nasen seltene Düfte wittern.

Da bricht die Nadel ab, die Platte rauscht,
ich höre nichts mehr, Vakuum durchzieht
die Welt, - von einem Sonnengott belauscht,
betrachten wir das All, die Erde glüht.

Es wächst das Gras, aus dem es leise tickt,
und seltsam still liegt eine Herde Schafe,
sie liegt so still, wie sie beim Mittagsschlafe
sonst liegt.


Mode

Aus Plastikfolie sind die neuen Hemden,
mit Blei durchwirkte Röcke sind modern,
sie halten Strahlung von den Menschen fern,
so sagt man. Manche Menschen glauben gern.

Die Häuser strecken sich nun in die Tiefe,
als sei der Himmel nicht genug entfernt,
und aus den Trümmern ragen spaltdurchzogen schiefe
Fußböden, und die Erde ist zerkernt.


Schöpfertum

Wir schreiten zwischen Kratern
zerplatzter Bomben hin
und sehen diese Landschaft
mit geistigem Gewinn.

Denn alle diese Krater,
die hat der Mensch gemacht.
Er hat in langen Nächten
sehr lange nachgedacht.


Blüten

Wenn dann im Tale die Bomben blühen
und Pilze wachsen im Frühlingswind,
wenn Menschen Masken auf ihre Köpfe ziehen,
und glauben, daß man so dem Tot entrinnt...

Im Erdenrund blüht das Verderben.
Die Kernstrahlung hat ihre Zeit.
Und niemand wird der Menschen Weisheit erben,
der letzte Anzug ist ein weißes Kleid.


Gewinn

In den Häusern dieser tristen Welt
wird mir jeder Hoffnungsstrahl vergällt,
Häuser fallen ein und werden Trümmer,
laßt sie nur zerfallen, immer, immer.

Immer laßt die Häuser nur zerfallen,
lustig ist, wenn Trümmer niederknallen.
Von den Mauerwänden fällt der Putz,
und er wird zu Schmutz mit vielem Schmutz.

Wenn es kalt ist hinter Häusertüren,
weiß man, Ratten müssen hier erfrieren.
Wenn man Löcher in den Dächern sieht,
weiß man, daß der Wind durch Zimmer flieht.

Hilflos, trüb und ohne Hoffnungsstrahl
treib ich mit der Erde durch das All,
als Rezept verschreibt man Schnaps und Bier,
aber ich bleib nicht bis dahin hier.


Götterdämmerung

Im kalten Herzen hoffnungsloses Grauen:
liegt einer da, die Beine fehlen schon,
zerquollene Augen können nicht mehr schauen,
was rings zerplatzt. Die Luft riecht nach Ozon.

Geheul ertönt, es röhren die Raketen
in wildester perverser mordender Brunst.
Sie unterbrechen nun den steten
Entwicklungsgang im mörderischen Dunst.

Und was nach ein paar Stunden übrig bleibt,
ist eine Erde, morsch und unbelebt,
von Kratern übersäht und staubbeschwebt,
ein Körper ohne Seele und entleibt.


Berechtigung

Wenn die Erde brennt, das Wasser kocht,
in den Flüssen Kochfisch schwimmt,
wenn der Tod an unsere Türen klopft,
wenn zerfällt zu Staub und Lava hier,

was wir schufen, wenn Evolutionen
ohnmächtig rings ins Weltall staunen,
Kinder in den Wägen zu Skeletten
und die Frauen auf den Wegen faulen,

wenn im Gleichschritt rechte Winkel gehen ...

Menschen sagt,
wann werden wir sehen ?
Wann werden wir sehen?
Werden wir
sehen?


Fortsetzung


Neutronen drangen ein in Chromosomen,
zerlegten wahllos Riesenmoleküle,
die Zellen faulen, alle die Gefühle
des Menschen gingen ein in den Atomen.


Asphaltband

Teer schlägt über meinem Dach zusammen, während ich Blau mache oder heiß.
Ich renne mit dem Volvo um die Wette, daß der Nebel schwillt.
Am Ende siegt da nur einer: ICH.
Ich schwimme mit verklebten Füßen und trage die Flaschen hin und her.
Ich schwimme weiter mit verklebten Füßen und schmecke den Staub in den Stangen aus Gras. Den Stangen aus Gras, die zerbrechen, als wären sie Eis.
Am Ende siegt da nur einer: ICH.
Die unsichtbare Universität, geschlossen heute morgen, die Studenten bleiben daheim.
Ich eile von Südsee zu Südsee und färbe den Himmel Blau.
Ich schwimme von Asphalt zu Asphalt und helfe der Welt.
Freudestrahlend esse ich den Lorbeerkranz.
Am Ende siegt da nur einer: ICH.
Um Sieger und Besiegte ringt sich ein Band aus Eis.
Das  dampft da schwer.
Da lese ich die Zeitzeichen des Traums.


Post an Bernd: Hutschi@aol.com (oder Bernd.Hutschenreuther@sz-online.de)

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