Mitmenschen

Lyrik von Jutta Miller-Waldner

© 1999

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Kurzgeschichten


Mitmenschen

 

mitmenschen

menschenmassen in festsälen
lauschend
in sonntagskleidung
heino
patrick lindner
mag sein
rex gildo

hossa hossa hossa

fliegen nie nach mexiko
schon gar nicht in sonntagskleidung
höchstens in jogginganzügen
aus fallschirmseide

campen lieber
da sind in den anderen wohnwagen
umrahmt mit sandwällchen gartenzwerg
weißen steinchen
säuberlich geharkt
wenigstens nur deutsche

schreiben ihren namen
auf listen
denken bei doppelpaß
>an fußball
egal
unterschreiben ist immer gut
wenn's die richtige partei
will

gehen zum italiener
chinesen
vielleicht auch mal zum thailänder
am geburtstag oder so
in sonntagskleidung

jeder einzelne eine biographie
fragt sich nur
was für eine



Mitmenschen

biographie

geboren werden
vertrauen
vertrauen verlieren
lernen
vergessen

arbeiten
tag für tag
woche für woche
monat für monat
jahr für jahr
JAHRZEHNTE

zwischendurch mal
in sonntagskleidung
in festsäle gehen
rex gildo
hören
eine minute von
mexiko träumen
oder zwei

oder auch mal verliebt sein
wenigstens für zwei wochen
heiraten
pläne schmieden
pläne aufgeben
kinder kriegen
großziehen
aus dem haus gehen lassen
grüße zum geburtstag
oder weihnachten
wenn's hoch kommt
besuch zum sonntagsessen
roulade mit rotkohl und bratensoße
in sonntagskleidung

rentnerIn werden
sterben
für milliarden jahre
liegen auf dem friedhof

wo bleibt die biographie?



Mitmenschen

naturgedicht

unter den buchen
sollst du mich suchen
unter den linden
wirst du mich finden
unter den rosen
wollen wir kosen

unter dem flieder
verläßt du mich wieder
am fuße der eiche
find meine leiche
im schatten der bäume
schlafen die träume

der wind in den weiden
wispert vom leiden
ein fröhlicher falter
flüstert vom alter
im wipfel die krähe
kreischt krächzend: vergehe!

am himmel die sterne
starren von ferne
tanzen den reigen
und schweigen und schweigen


Mitmenschen

Wenn ich wüßte >

Wenn ich wüßte >         wie man erwachsen wird
würde ich es ja
        – vielleicht –
einmal
        versuchen.
 

Wenn ich wüßte > wie es ist,
        erwachsen zu sein,
würde ich es
        – wahrscheinlich –
lassen.



Mitmenschen

DER REGENWURM

Ein Regenwurm, nur leider blind
und schleimig, wie halt Würmer sind
beschloß, das muß sich wenden.
Er wünscht sich eine kleine Fee
und seufzt und stöhnt: o weh, o weh
wie soll denn das nur enden?

Die Fee hob ihren Zauberstab
bewegt ihn auf, bewegt ihn ab:
Was  du dir wünscht, das werde!
Nun war der Regenwurm so schön
konnt' endlich mal die Sonne sehn –
er schoß geblendet in die Erde.

Das sitzt es nun, das arme Tier
und ist nicht dort und ist nicht hier
der Sand knirscht in den Augen.
Da sagt der Wurm zu sich beherzt
ich sehe es ein, auch wenn es schmerzt
daß Wünsche meist nichts taugen.



Mitmenschen

SO ISSES

Blütenblätter fallen
Sternschnuppen fallen
Daxe fallen

Nur mir fällt kein gedicht ein

Der euro kommt
Die neue rechtschreibung kommt
Das nächste Jahrtausend kommt

Nur zu mir kommt keiner

Computer stürzen ab
MD-112s stürzen ab
Dow-Jones stürzen ab

Nur ich stürze nicht ab.

Hoffe ich jedenfalls.



Mitmenschen

FRISCH * FROMM * FRÖHLICH * FREI

Finger auf den Boden und das Bein gestreckt
der Schweiß tropft von der Stirne, ei, wie der schmeckt!
Und runter auf die Matte und wieder hinauf –
und das Herz pocht kräftig: Schnauf. Schnauf. Schnauf.

Dann rauf auf den Barren und rund um das Reck
Handstand auf den Ringen und schnell wieder weg
Grätsche übers Seitpferd und die Taue rauf –
>und das Herz pocht heftig: schnauf, schnauf, schnauf.

wieder wird hurtig um die Wette gerannt
die Diskusscheibe wiegt schwer in der rechten Hand
zum Abschluß um das Stadionrund 'n Dauerlauf –
und das Herz pocht weinend: schnauf schnauf schnauf.

Ich sinke auf die Tartanbahn: Ich kann nicht mehr.
Die Arme und die Beine wiegen bleiern schwer.
Sportkameraden heben meine Reste auf.
Ist der Sport nicht herrlich? – Schnauf! Schnauf! Schnauf!



Mitmenschen

MACHMAL WÜNSCHE ICH MIR

machmal wünsche ich mir
ein fell
oder schuppen
zumindest einen panzer

machmal wünsche ich mir
krallen
oder hufe
zum ausschlagen
zumindest einen giftigen Stachel

manchmal möchte ich brüllen
wie ein löwe
und kreischen
wie eine horde affen

machmal wünscht' ich
ich wäre nicht ich.



Mitmenschen

VATA UNSA


Vata unsa,
weeßte, der de bist da oben
irjendwo mittenmang im Himmel,
jeheilicht werde Dein Name,
wie imma Du ooch heeßt.

Dein Reich komme.
Ick jloobe, det hatten wa schon.
Nischte mit tausend Jahre Dauer.

Dein Wille jeschehe
Un meener
und der von de Schwesta uff de Parkbank
und von die alleenerssiehende Mutta
und'm Arbeitslosen
inne Freizeitparch Deutschland.

wie im Himmel also auch auf Erden.
Na, ick weeß nich -
ob de nich doch manchmal nur würfelst?

Unsa tächlich Vierkornbrot jib uns heute.
Und die blühenden Landschaften
und den Industriestandort.

Und vajib uns unsre Schuld.
Det find ick jut. Echt.
Jeneralamnestie sossusajen.
For allet, wat war, wat is undsoweeta.
Ick wollte schon imma 'ne blütenweeße Weste trajen.

Wie ooch wir verjeben unsan Schuldijan.
Find ick noch bessa.
Noch nie war'n wa so jut wie heute.

Und führe uns nich in Vasuchung.
Okay. Laß uns nich uff Kosten andra leben,
laß uns bei Bestechungsjeldan "nee" saachen
und bei Wertheim nich kloofen.

Und erlöse uns vonne Übel.
Det meen ick ernst.
Von Akw's, Sauerm Rejen,
Ignoranz, Intoleranz, Neonazis.

Denn Dein is det Reich.
Schön wär et.
Bräuchten wa keene Politika nich
und keene EU nich und keene Uno.

Und die Kraft.
Und wo bleebt de Kraft for
meene Schwesta uff die Parkbank, fraach ick Dir.

Und de Herrlichkeit.
Na ja.

Amen
 



Mitmenschen

MEIN LIEBLINGSPLATZ


Längst bevor ich alles hatte
Mann und Kinder, Haus und Katz
wünscht ich mir eine Hängematte
als allerliebsten Lieblingsplatz.

In ihr wollt ich schwebend träumen
wollte vergessen Tag und Zeit
wollt sanfte schaukeln unter Bäumen
und schauen in die Ewigkeit.

Manches Glück hab ich gefunden
war es ein Freund, war es der Gatte
doch die allerschönsten Stunden
schenkte mir die Hängematte.



Mitmenschen

VERFALLSDATUM

eines tages, freunde
werde ich in den supermarkt gehen
und vor der käsetheke stehen
und werde auf das verfallsdatum schauen
vom Quark
und werde sagen, freunde:
das war's.

das war's denn
werde ich sagen, freunde
aber es war nicht nur alles quark
freunde
sondern auch paradiespudding
manchmal jedenfalls
und erdbeermarmelade
die esse ich nämlich besonders gerne
freunde
oder soll ich besser sagen:
ich aß?

wenn ich denn stehen werde
vor der käsetheke
freunde
und schauen werde
auf das verfallsdatum
von quark
 

werde ich fragen:
wer, um himmels willen
hat nur das verfallsdatum erfunden?

und werde vielleicht ein bißchen weinen.



Mitmenschen

ÜBERALL IST WAS LOS


Überall ist was los
las ich
wo du nicht bist.

Das ist es, dachte ich.
Wälzte die Worte
in meiner Kehle
schluckte sie hinunter.

Jagte dem Glück hinterher
streifte es selten.

Mir schien
als hätte ich
versucht
den Regenbogen
zu durchqueren.




Post an Jutta Miller: miller@mpib-berlin.mpg.de NetzgewebeZurück zu Hutschis Netzgewebe