Bianca Turbanski

Metamorphose

© 1999

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Der Klump in Annas Mund wuchs und wuchs, während sie kaute, sie kaute angestrengt. Ihre Sinne waren hellwach, die Alarmtöne zischten über die Ebene. Sie mußte kauen, sie hatte ihren Raumanzug an, den Selbstverpfleger, der sorgte für sie, ob sie wollte oder nicht. Sie wußte nicht, war diese Umgebung simuliert, ein großes Holodeck, oder war sie wirklich hier, hier auf dem Planeten Trauma 2. Die beiden Sonnen waren hinter Wolken verborgen, es hatte leicht zu regnen begonnen, Nebel kam näher und verhinderte die Sicht, die Töne wurden deutlicher. Es war der Nebel, der in Anna die Überzeugung festigte, die Situation sei real. Sie wußte nicht, was sie tun sollte, hier in dieser Einöde. Ihr Auftrag: sie hatte ihn vergessen, oder sie kannte ihn nicht, oder sie hatte nie einen gehabt. Sie war ein seltsamer Held in einer seltsamen Geschichte, die Kommunikatoren versagten. Keinerlei Informationen konnte sie erhalten, nur ihr grünglänzender Raumanzug hob sich ab von den Farben der Umgebung. Sie fühlte sich beobachtet, glaubte sicher, beobachtet zu werden, aber sie war allein.
Anna versuchte, aufzustehen, ihr Raumanzug hob sie nach oben, sie wollte die Umgebung erkunden, ihr Raumanzug lief.
Sie hatte noch eine Erinnerung an das Raumschiff, welches sie hergebracht hatte, doch diese Erinnerung war nur noch schwach. Sie lief jetzt schon seit drei Tagen über diese Ebene, Hunger verspürte sie nicht, auch keinen Durst, der Anzug versorgte sie gut. Sie wagte nicht, sich zum Schlafen niederzulegen, sie glaubte, nie geschlafen zu haben in diesen Tagen, doch sie schlief im Gehen, der Raumanzug sorgte dafür, daß sie ging, während sie schlief. Der Nebel hatte sich verstärkt, die Luftfeuchtigkeit (war das Feuchtigkeit?) war hoch, der Boden feucht und glitschig, aber Anna spürte das kaum. Was sie spürte, war nicht einmal Angst, nicht einmal Furcht, sie wußte nur, sie müsse sich bewegen, sie wollte nur nicht untätig bleiben, sie wollte wenigstens suchen, wenigstens etwas versuchen, bei dieser mißglückten Expedition, oder war es eine Urlaubsreise ins Traumparadies des Glücks?
Die Reise ist der Weg. Das Wesen ist der Weg. Ich laufe, also bin ich. Ein Bein vor das andere, das Ziel ist dort vorn, dort vorn hinter dem Nebel, dort vorn, wo ich hin will, wo ich hin muß, ich laufe nicht umsonst, ich muß laufen, etwas sagt mir, daß ich laufen muß, ich laufe, da ist doch irgendwo ein Ziel, wenn ich doch wenigstens Schatten sehen würde, vielleicht bin ich selbst ein Schatten, ein Schatten unterwegs zum Styxx, oder dort ist ein Bach, oder ein Palast, oder doch wenigstens die Raumstation, wenigstens will ich zurück, wenn ich schon meinen Auftrag nicht erfüllen kann. Wenn ich doch wenigstens meine Füße waschen könnte.
In der Zwischenzeit war es still geworden, der Alarm war verstummt, hatte seinen Zweck erfüllt, oder die Einrichtung war zerstört. Anna spürte das Pochen ihres Herzens, welches von der umgebenden Stille verstärkt wurde. Es war hell, aber die Helligkeit nützte ihr nichts, hier in dem sonderbaren Labyrinth ohne Wände. Am Anfang hatte sie versucht, die Schritte zu zählen, aber sie kam nie über Tausend, dann begann sie zu träumen, schlief, glaubte, auf der Erde zu sein, saß in ihrem Büro oder zupfte Unkraut im Garten, den sie haßte – und den sie liebte. Doch sie erwachte, lief und lief, der Nebel änderte seine Farbe, eine der Sonnen war wohl untergegangen, aber es wurde nicht dunkel. Sie litt unter dem Mangel an Information, sie litt unter dem Alleinsein, das sie sich früher einmal gewünscht hatte, aber was war früher? Sie erinnerte sich an die Uhr, welche sich in ihrem Raumanzug befinden mußte, an ihren Kommunikator, an den Schachcomputer, den sie mithatte für Zeiten der Entspannung. Aber sie wußte nicht, wie diese zu aktivieren waren, waren sie defekt? Der Kommunikator schwieg, der Raumanzug versorgte sie mit Nahrung, die auch den Durst löschte, die Nahrung wurde von ihrem Körper scheinbar vollständig verbraucht, denn auf die Toilette mußte sie nicht, sie hatte am Anfang noch Angst gehabt, denn öffnen – oder gar ausziehen – konnte sie den Anzug nicht, die Atmosphäre würde sie sofort vergiften, das wußte sie. Und sie lief wieder, hatte das Gefühl, als wate sie in einem Sumpf. Anna begann zu schwitzen.
Aber Anna freute sich sogar, zeigte das doch eine Veränderung an, die erste Veränderung, seit sie hier war außer dem Wechsel der Farbe des Nebels, hier auf dem Planeten Trauma.
Der Weg war schwieriger geworden, sie war voran gekommen. Der Nebel färbte sich allmählich rosa.
In Gedanken begann sie zu reiten. Sie erinnerte sich an ihr Pferd, das einzige, welches sie besessen hatte, eine Stute, sie ritt oft aus früher, als sie noch auf der Erde war, sie ritt zu den uralten Steinkreisen aus der Vergangenheit, oder sie ritt zu dem Hain hinter der angefangenen Autobahn. Dort saß sie stundenlang, in Meditation versunken. Sie erinnerte sich wieder an die Erde, doch diese Erinnerung war nur fetzenweise da, sie erinnerte sich an ihre Kindheit, auch an die Ziegen, die sie gehütet hatte, das mußte wohl in einem Gebirge gewesen sein, sie erinnerte sich an die Wiesen und an einen Gebirgsbach, aber die spätere Zeit verschwand hinter dem Nebel, durch den sie jetzt ging.
Das Riesenrad funktionierte wieder. Die Kinder der Planetarier von Trauma 2 standen Schlange an der Kasse, die aber nicht mehr besetzt war. Die Erwachsenen waren ins GHJGH gegangen. Das Riesenrad funktionierte wieder. Die Erwachsenen hatten es ihnen versprochen, und sie hatten Wort gehalten. Ein Energiewesen trieb das Riesenrad an, es war eine große Freude. Am Anfang hatten die Lager gequietscht, das Rad war lange nicht mehr in Betrieb gewesen, aber einer der Jungen hatte "§$lit in einer Flasche gefunden und damit Lager geschmiert. Die Erwachsenen. Wo waren sie? Würde das neue Energiewesen, welches hier plötzlich aufgetaucht war aus dem Nichts, ebenso nach wenigen Wochen umfallen, wie die anderen vor ihm?
Die Lehrer hatten vor der Berührung solcher Wesen gewarnt. &%$&% goß das "§$lit in die vorgesehene Öffnung. &%$&% war der vernünftigste unter ihnen. Die Lehrer, man mußte ihnen schon glauben. Die Energiewesen durften nicht berührt werden, die Berührung war schmerzhaft und würde zum Tod führen. &%$&% wußte das.
Das Riesenrad drehte sich nun schon seit 4 Monaten, länger, als je zuvor.



Post an Bernd: Hutschi@aol.com (oder Bernd.Hutschenreuther@sz-online.de)

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