
Der Stanislaw-Lem-Klub
Dresden
Erinnerungen (aus TERRAsse 10)
© 1997
Ralf P. Krämer: Die ersten Jahre
Erik Simon: Blütezeit und Fall des SLK
Bernd Hutschenreuther: Das Leben nach dem Tod
Ralf P. Krämer
Die ersten Jahre
Die Vorgeschichte des Stanislaw-Lem-Klubs begann Mitte der sechziger Jahre
in meiner Heimatstadt Gera, als ich in der Arbeitsgemeinschaft Astronomie
Monika Götze und Christine Taubert kennenlernte, die in Briefkontakt
mit Carlos Rasch und anderen SF-Fans standen. Sie begeisterten mich für
die Idee, einen SF-Klub zu gründen.
1967 nahm ich an der TU Dresden ein Physikstudium auf, und im März
1968 begann ich mit Wolfgang Siegmund, dem Berliner (Mit-)Herausgeber des
Fanzines »Phantopia« (später »Nova Phantopia«
bzw. »Futura«), und Karl-Heinz Lingoth, dem Leiter des Magdeburger
Utopia-Clubs, zu korrespondieren. Beiden verdanke ich viele wichtige Anregungen,
nicht zuletzt den Hinweis, mich beizeiten nach einem Träger der Klubarbeit
umzusehen. Als Sammelbecken für kulturelle Aktivitäten von hochgeistiger
Klassikpflege bis zu Philatelisten und Aquarianern bot sich dafür
der Deutsche Kulturbund an. Von Wolfgang Siegmund erhielt ich eine Liste
mit Dresdener SF-Fans, wovon zwei, Karl-Heinz Müller und Rainer Rühle,
später der ersten Leitung angehören sollten. Bis dahin verging
noch über ein Jahr mit zahlreichen Kontaktgesprächen mit Kulturbundgremien
und der Suche nach potentiellen Mitgliedern. Mein damaliger zimmerkollege
Helmut Bock half mir dabei tatkräftig. So ergab es sich von selbst,
daß das erste »Hauptquartier« des späteren SLK unser
Zimmer 602 auf der F.-C.Weiskopf-Str. 4 (= Budapester Str. 24) war und
sich viele Mitglieder aus den dort wohnenden Studenten rekrutierten. Unser
Treiben blieb nicht unbeobachtet: zwei Herren in Zivil erheischten Auskunft
(und gaben sich zufrieden ob der Kontakte zum Kulturbund), und anonyme
Briefe künden davon, daß sich auch die Exoterristen durch die
Gründungsvorbereitungen gestört fühlten. Wir ließen
uns von all dem nicht verdrießen, und am 5.6.1969 wurde die Interessengemeinschaft
Wissenschaftlich-phantastische Literatur offiziell aus der Taufe gehoben
und der Hochschulgruppe Dresden des Deutschen Kulturbundes angegliedert.
An der Gründungsversammlung, die wie viele folgende Klubveranstaltungen
im »Klub der Intelligenz«, August-Bebel-Straße, stattfand,
nahmen 14 Mitglieder und 9 Gäste teil, darunter die Sekretäre
von Stadt- und Hochschulgruppenleitung des DKB, Michalek und Meister, sowie
Eberhardt del Antonio. Es wurde ein Arbeitsprogramm verabschiedet und eine
Leitung gewählt.
Bis November 1971 veranstalteten wir einmal im Monat einen Klubabend,
danach sogar zwei (außer in den Sommerferien). Es ist symptomatisch
für unser Selbstverständnis in der Phase nach der Gründung
und zugleich für die Intentionen des Kulturbundes, daß sich
von 10 Klubabenden im ersten Jahr nur drei mit der SF-Literatur im eigentlichen
Sinne beschäftigten, die restlichen sich einen wissenschaftlichen
Anstrich zu geben versuchten. Erinnern wir uns: Am Ende der Ulbricht-Ära
standen Prognostik (als Gegenpol zu »bürgerlichen« Futurologie)
und wissenschaftlich-technischer Fortschritt hoch im Kurs (man denke an
die Losung »Überholen ohne einzuholen«). Ein verbreitetes
Klima der Zukunftsgläubigkeit spiegelte sich nicht nur in der DDR-SF
wider, sondern auch in vielen anderen Publikationen.
Zahlreiche briefliche und persönliche Kontakte zu einer Reihe
von SF-Schriftstellern (außer den bereits genannten seien erwähnt:
Gerhard Branstner, Gottfried Herold, Hubert Horstmann, Günther
Krupkat, Curt Letsche, Karl-Heinz Tuschel, Heinz Vieweg, Wolf Weitbrecht,
Herbert Ziergiebel - natürlich Stanislaw Lem, außerdem Iwan
Jefremow und die Gebrüder Strugazki), aber auch zu Literaturwissenschaftlern
und Lektoren (Dr. Albrecht Börner, Jutta Janke, Ekkehard Redlin sowie
im Klub Bernd Giesler und Karl-Ludwig Richter) beeinflußten in der
Folgezeit unsere Anschauungen und damit das Arbeitsprogramm des SLK. Philosophische
und naturwissenschaftlich-technische Spekulationen traten in den Hintergrund,
die Aufmerksamkeit galt immer mehr der SF als Literatur, d. h. der Gestaltung
des literarischen Konflikts und der Ästhetik der Sprache - was mit
bestimmten Tendenzen im SF-Literaturbetrieb der DDR einherging, die wir
auf unsere Weise befördern wollten. All dies beflügelte uns,
selbst literarisch aktiv zu werden - ein Phänomen, das wohl jedes
Fandom irgendwann erfaßt. Im Herbst 1970 wurde der erste Amateurwettbewerb
ausgeschrieben - mit noch recht mäßigem Ergebnis. Dagegen war
der zweite im darauffolgenden Jahr so erfolgreich, daß aus ihm und
späteren Klubprojekten mehrere Geschichten 1976 in der Anthologie
»Begegnung im Licht« gedruckt wurden und dadurch der SLK im
1987 erschienenen Autoren-Lexikon der DDR-SF mehrfach Erwähnung fand
(für mich ein später Triumph nach dem unerquicklichen Ende des
Klubs).
Die Chronologie durchbrechend, seien noch einige Episoden berichtet:
Wie kam es zum Namen Stanislaw-Lem-Klub? Die offizielle Bezeichnung
war zu umständlich und in der Öffentlichkeit wenig werbewirksam.
Im Gespräch waren Utopia-Club und Jules-Verne-Klub, wurden aber verworfen.
Stanislaw Lem kannten jedoch selbst viele Nicht-Fans. Als der Autor im
September 1970 die DDR besuchte, konnte er zwar leider nicht unserer Einladung
nach Dresden folgen. Immerhin erlaubte er aber unserem Klub, seinen Namen
zu tragen.
Eine besondere Affinität hatte der Klub nicht nur zur SF-Literatur,
sondern auch zum Film. Helmut Bock und ich waren 1970 auf Honorarbasis
als Gutachter für das DEFA Trickfilmstudio Dresden tätig und
zerpflückten das Exposé des utopischen Puppentrickfilms »Alarm
im Jahr 2330«, der daraufhin nie gedreht wurde. Von daher rührten
unsere guten Beziehungen zur Dramaturgin Hedda Gehm, die später mit
großem Engagement als einer der Juroren der Amateurwettbewerbe fungierte.
Ein zweites Erlebnis mit dem Medium Film war die Bezirkspremiere des
DEFA-Streifens »Eolomea« am 10. 11. 1972 im Rundkino.
Obwohl außerhalb des Zeithorizonts meines Berichts, erwähne
ich dieses Ereignis, weil es für mich ein persönlicher Höhepunkt
war, allein vor ca. 1000 Menschen mit dem Mikrofon in der Hand nach Filmende
die angereiste Delegation (Regisseur, Hauptdramaturg, ein Schauspieler)
in freier Rede zu interviewen - quasi mein letzter »großer«
Auftritt im Lemklub.
Welche Wertschätzung der SLK anfänglich im Kulturbund genoß,
mag verdeutlichen, daß ich für würdig befunden wurde, im
Frühjahr 1970 für die Stadtverordnetenversammlung zu kandidieren
(und natürlich auch mit ca. 99,8 % gewählt zu werden). Mein Abgeordnetenausweis
öffnete uns in der Folgezeit manche Tür und half manchen Tisch
in »guten« Lokalen zu reservieren, wenn wir Schriftstellerbesuch
hatten.
Im übrigen nahm der SLK einiges an Vereinsmeierei vorweg, wie
sie heute wieder üblich und wohl typisch deutsch ist. Wir hatten eigene
Klubausweise, entworfen von Karl-Heinz König, »normale«,
korrespondierende und fördernde Mitglieder (den Titel Ehrenmitglied
verwehrte der Kulturbund mit Bezug auf sein Statut), eine eigene Satzung,
Jahreshauptversammlungen und sogar -- DDR-typisch -- eine eigene Parteigruppe.
Das Wichtigste aber: es hat Spaß gemacht und Erfahrungen vermittelt,
die ich trotz aller Widrigkeiten am Ende nicht missen möchte ...
Erik Simon
Blütezeit und Fall des SLK
Mitte 1971 hatte der SLK nicht nur mehr Mitglieder als bei seiner Gründung,
sondern vor allem schon an die 15 Aktivisten, und etwa im April wurden
für einzelne Themenbereiche Arbeitsgruppen, sogenannte »Aktivs«,
gegründet, auf die im Herbst nach der Semesterpause auch die Leitungsstruktur
des Klubs ausgerichtet wurde. Aus heutiger Sicht erscheinen diese Strukturen
wohl allen Beteiligten ein wenig überdimensioniert, doch sie waren
eine logische Konsequenz aus unserem missionarischen Eifer, der Phantastik
und Science Fiction in der DDR zu mehr Ansehen und Geltung zu verhelfen,
und sie begünstigten tatsächlich eine dynamische Expansion des
Klubs und seiner Aktivitäten.
Daß sich die Militärakademie der NVA den Klub der Intelligenz
aneignete und sich das Veranstaltungszentrum des SLK notgedrungen ins dichtbesiedelte
Wohnheim Gagarinstraße 18 (in unmittelbarer Nähe der TU und
der Verkehrs-hochschule) verlagerte, förderte ebenfalls den Zustrom
von Besuchern, Mitgliedern und Mitarbeitern. Im Herbst 1972 hatte der Klub
an die 120 Mitglieder, zur Veringerung von Karteileichen wurde für
Neuaufnahmen ein Kandidatenstatus eingeführt, und eine eigene SED-Parteigruppe
sorgte durch ihre bloße Existenz auf dem Papier für obrigkeitliches
Wohlwollen (meines Wissens ist sie bis zum Beginn der Krohn/SLK-Affäre
nie in irgend einer Weise aktiv geworden).
Die Themenbereiche der Aktivs hatten sich bald so umsortiert, daß
sie der Interessenlage ihrer Mitarbeiter entsprachen. Mangels Masse innerhalb
der DDR-SF führte das Aktiv »Film/Funk/Fernsehen« ein
Schattendasein, und das für Malerei lieferte vor allem Plakate für
die vom Organisations-Aktiv technisch vorbereiteten Veranstaltungen --
bis zu drei pro Monat (eine öffentliche im Wohnheim, eine klubinterne
und eine, mit der wir in andere Wohnheime, Klubs oder Bibliotheken missionieren
gingen). Veranstaltungshöhepunkte waren Lesungen mit DDR-Schriftstellern
und Vorträge zur Paläoastronautik; legendär geworden
sind Günther Krupkats Dia-Vortrag über die Terrasse von Baalbek,
wo ich in einem brechend überfüllten Raum zusammen mit zwei anderen
Fans auf einem Fensterbrett stand (innen), und eine Veranstaltung zur Däniken-Thematik
im Dezember 72, wo wir von etwa zweihundert Besuchern die Hälfte wieder
nach Hause schicken mußten. Außerdem gab es z.B. weitere Vorträge
über Sachthemen, die Autorenporträts, in denen das Werk ausländischer
SF-Schriftsteller (u. a. Bradbury, Clarke, Lem, die Strugazkis) vorgestellt
wurde, und Lesungen eigener SF-Geschichten.
Inhaltliche Zuarbeit zu den Veranstaltungen kam vom Aktiv für
ausländische Phantastik und SF-Theorie (die ebenfalls fast nur in
ausländischen Publikationen greifbar war) und dem Aktiv »DDR-Phantastik«,
wo sich die Amateurautoren des SLK versammelt hatten. Das von Rolf Krohn
geleitete DDR-Aktiv organisierte vor allem eine Sammlung von Geschichten,
die alle eine allgemein anerkannte Tatsache ins Gegenteil verkehren und
mit dem Wort »Bekanntlich« beginnen sollten (woran man die
in »Begegnung im Licht« abgedruckten erkennt); auch über
andere von uns verfaßte Geschichten diskutierten wir. Mein Auslands-Aktiv
fertigte Übersetzungen ausländischer SF-Stories an, die zu thematischen
Anthologien zusammengefaßt wurden und zusammen mit den Amateurstories
als Manuskriptmappen gefragte Objekte der Klubbibliothek waren.
Das Korrespondenz-Aktiv hielt den Kontakt zu Schriftstellern, Verlagslektoren,
einzelnen aktiven Fans in der DDR und den anderen SF-Klubs. Der neben dem
SLK wichtigste, weniger mitgliederstarke, aber sehr aktive befand sich
in Halle; er hatte dem Kulturbund sogar die Erlaubnis abgerungen, zweimonatlich
ein hektographiertes Fanzine herauszubringen (was Privatleuten in der DDR
verboten war) und fungierte daher als Informationszentrum des DDR-Fandoms.
Aktive Kontakte bestanden auch zum Klub in Falkensee und dem 1972 gegründeten
Phantopia-Klub
in Ilmenau; einige andere Klubs scheinen Einmann-Betriebe oder überhaupt
Phantome gewesen zu sein. Der DDR-weit geplante dritte Amateurwettbewerb
des SLK fiel dem Zusammenbruch des Klubs ebenso zum Opfer wie das Projekt
eines Dresdner Fanzines, von dem es nur eine für das Genehmigungsverfahren
hergestellte Probenummer gibt.
In der Leitung des Klubs gab es einen inneren Kreis, der untereinander
auch westliche SF auslieh und sogar ganze Bücher abtippte. Doch nicht
das war der Grund für die im Herbst 1972 einsetzende Lem-Klub-Affäre,
die zunächst nur eine Affäre Krohn war. Rolf, einer der Aktivisten
unseres Klubs, hatte sich -- vielleicht durch unbequeme
Fragen im Seminar für Marxismus-Leninismus -- den Haß von Dr.
Edith Franke zugezogen, die an der TU Dresden Parteisekretärin der
Sektion Physik war, wo besonders viele SLK-Mitglieder studierten. Die Frau
betrieb vehement seine Exmatrikulation, und erst, als man partout nicht
genug andere Gründe dafür zusammenkratzen konnte, fiel der Blick
auf die im SLK verfaßten Amateurgeschichten, vor allem Rolfs, in
die »antisozialistische« Tendenzen hineininterpretiert wurden.
Wohlgemerkt: Weder diese Texte noch sonst irgend welche Aktivitäten
des Klubs waren damals gegen den Sozialismus gerichtet, nicht einmal gegen
seine merkwürdigen Erscheinungsformen in der DDR; die ganze Affäre
Krohn ist nur als Privatfehde von Dr. Franke erklärlich, vielleicht
auch als Mittel, durch Entlarvung eines »Klassenfeindes« ihre
Karriere zu fördern. (Wenn ich recht informiert bin, brachte sie es
so zur Parteisekretärin der gesamten TU Dresden.) Als das Disziplinarverfahren
gegen Krohn mit der Höchststrafe (lebenslangem Ausschluß vom
Studium an allen Hoch- und Fachschulen der DDR) endete, war sie es zufrieden.
Nun glaubten aber im Kulturbund einige Leute, schon um der eigenen
weißen Weste willen ihrerseits politische Wachsamkeit beweisen zu
müssen, und starteten eine zweite Hexenjagd, an der sich bald auch
Funktionäre der Sektion Physik beteiligten und die dazu führte,
daß alle Aktivitäten des SLK bis auf weiteres untersagt, viele
aktive Mitglieder (vor allem Studenten der Sektion Physik) zum Austritt
genötigt und gegen einige zusätzlich Partei- oder, soweit sie
keine SED-Mitglieder waren, Disziplinarstrafen ausgesprochen wurden. (Ich
selbst kam mit einer schriftlichen Rüge des Sektionsdirektors davon
-- der übrigens wenig später von einer Reise nach München
nicht zurückkehrte -- und wohl auch mit schlechteren Karten bei der
Zuweisung einer Arbeitsstelle im Jahre 1973, die bald wieder aufzugeben
mir nicht schwer fiel.) Sowohl an der TU Dresden als auch in der Leitung
der Hochschulgruppe des Kulturbundes versuchten einige Leute, mäßigend
einzuwirken, sie unterlagen aber den ScharfmacherInnen. In der Hochschulgruppe
tat sich bei der Zerschlagung des SLK eine gewisse Frau Dr. Herkt hervor,
deren bis ins Groteske böswilliger und dummer Argumentationsweise
ich eine auf lange Sicht heilsame Desillusionierung verdanke.
Die meisten Schriftsteller, zu denen der SLK Kontakt hatte, waren über
die Zerschlagung des Klubs befremdet bis entsetzt (Dr. Branstner z.B. bezeichnete
mir gegenüber die Vorgänge sinngemäß als nur in dumpfer
Provinzialität denkbar), und Ekkehard Redlin vom Verlag Das Neue Berlin
nahm ganz bewußt Erzählungen von Rolf Krohn und mir in die erste
DDR-SF-Anthologie »Der Mann vom Anti« auf, darunter Rolfs »Cora«
(der allen Ernstes vorgeworfen worden war, der Autor setze damit »unsere
werktätigen Frauen in der DDR« mit Robotern gleich); wenig später
stammte in Helmut Fickelscherers Anthologie »Begegnung im Licht«
fast die Hälfte der Texte von SLK-Autoren. Da war ich schon Lektor
beim Neuen Berlin geworden; die Folgen der SLK-Affäre haben paradoxerweise
begünstigt, daß Rolf Krohn und ich, wegen literarischer Tätigkeit
von Leuten ohne jede Spur von Literaturverständnis gemaßregelt,
für lange Zeit einen Literatur-Beruf als Autor bzw. Lektor ergriffen,
schneller wahrscheinlich, als wenn wir an irgend einem Institut mit Physik
befaßt gewesen wären.
Bernd Hutschenreuther
Das Leben nach dem Tod
Den Stanislaw-Lem-Klub hatte ich bei einer Veranstaltung im Jugendklub
für Kunst und Literatur kennengelernt, dessen Mitglied ich war. Diese
Veranstaltung hatte mich fasziniert, und so wurde ich Mitglied (genauer
gesagt, »Kandidat«) im Stanislaw-Lem-Klub. Der Lem-Klub stand
damals auf dem Höhepunkt seiner Popularität und seines Wirkens
und war auch außerhalb der Technischen Universität bekannt.
Aber schon kurz nach meinem Eintritt wurde ich durch die Schließung
des Lem-Klubs im Februar 1973 geschockt. Über die Hintergründe
der Schließung war nichts Genaues zu erfahren, dafür gab verschiedene
Gerüchte.
Zufrieden war ich mit dieser Situation nicht. So freute ich mich sehr,
als ich erfuhr, daß der SLK wieder existieren würde. Im Oktober
1973 gründete sich der Stanislaw-Lem-Klub neu, weiterhin als IG (Interessengemeinschaft)
des Kulturbundes. Als neuer Vorsitzender des Klubs wurde vom Kulturbund
Dr. Alder ins Spiel gebracht, der als u. a. mit sowjetischer Phantastik
befaßter Dozent an der Pädagogischen Hochschule wohl nach außen
hin für Zuverlässigkeit bürgen sollte.
Von den früheren Mitgliedern waren aber fast keine mehr dabei.
Einige hatten wohl nun Angst, sich wieder in diesem Klub zu betätigen,
anderen erschien der »neue« Klub als unter Kontrolle stehend
suspekt. Die Leitungen der Sektionen der Technischen Universität reagierten
auf die Neugründung des Stanislaw-Lem-Klubs sehr unterschiedlich.
Das reichte vom Verbot der Mitgliedschaft bis zur aktiven Hilfe in praktischen
Fragen.
Der Klub begann jedenfalls wieder, aktiv zu arbeiten, und er erzielte
dabei auch anfänglich Erfolge. Er fand ein neues Domizil in den Räumen
der Hochschulgruppe des Kulturbundes, einer Baracke auf der Nürnberger
Straße. Monatlich trafen wir uns (mindestens) einmal, bis zum Ende
des Klubs.
Sehr unterschiedliche Veranstaltungen fanden statt, die zum Teil an
frühere Traditionen anknüpften, z.B. Klubtreffen, Filmdiskussionen,
Vorträge über das Genre und Diskussionen in Seminargruppen. Bekannte
Schriftsteller der DDR kamen zu Lesungen (z.B. Gerhard Branstner, Günther
Krupkat). Besonders in Erinnerung blieben mir eine Aufführung des
Filmes »Der Wilde Planet« (in Originalfassung) und Veranstaltungen
zu den Büchern »Die Ohnmacht der Allmächtigen«
von Heiner Rank, »Sonderbare Begegnungen« von Anna Seghers
und zu »Fahrenheit 451« von Ray Bradbury. Die Klubveranstaltungen
wurden regelmäßig in den Einladungen der Hochschulgruppe des
Kulturbundes angekündigt.
Die Klubbibliothek wurde weiterhin gepflegt. Besonderes Verdienst daran
hatte Frank Bönsch. Die Bibliothek umfaßte neben eigenen Klubanthologien
und Autographen praktisch alle bis dahin in der DDR erschienenen Werke
der SF. Sie blieb nach der Auflösung des SLK in den Räumen der
Hochschulgruppe des Kulturbundes; was weiter mit ihr geschah, ist uns unbekannt.
Auch Verbindungen zu anderen Klubs wurden aufrechterhalten: mit dem
Klub Phantopia in Ilmenau, der auch heute noch existiert, und kurzzeitig
zu einem Science-Fiction-Klub in Freiberg. Sehr gute Beziehungen bestanden
zum »Jugendklub für Kunst und Literatur« an der Stadt-und
Bezirksbibliothek in Dresden, mit dem es mehrfach gemeinsame Veranstaltungen
gab. Unter anderem führten wir dort als Lesetheater Ausschnitte aus
»Die Anstalt des Dr. Vliperdius« (aus Lems »Sterntagebüchern«)
auf.
Der SLK war nun ein gebranntes Kind. Er versuchte zu beweisen, daß
die Schließung unbegründet gewesen sei. Das zeigt sich auch
in den vorliegenden Dokumenten. Der »Arbeitsplan des Stanislaw-LemKlubs«
nennt u. a. als »Hauptaufgaben« (Sprachstil der siebziger Jahre
nach dem VIII. Parteitag der SED):
1. Weitere Popularisierung der wissenschaftlichen Phantastik in der
DDR, insbesondere im Raum Dresden, als Mittel zur Stimulierung des schöpferischen
Denkens der Menschen, vor allem der Jugend.
2. Kritische Auseinandersetzung mit spätbürgerlichem Gedankengut,
wie es besonders in der westlichen Science-Fiction-Literatur zum Ausdruck
kommt, und klare Abgrenzung von technizistischen und antihumanistischen
Produkten dieses Literaturzweiges.
3. Anregung zum produktiven-volks-künstlerischen Schaffen auf
dem Gebiet der wissenschaftlich-phantastischen Literatur durch enges Zusammenwirken
mit Schriftstellern und Verlagen.
Diese Aufgaben zeigen deutlich und sollten wohl auch zeigen, daß
der Klub keinesfalls gegen die DDR und gegen den Sozialismus war, sich
im Gegenteil dafür einsetzte. Dabei waren sie genügend abstrakt,
um innerhalb dieses Rahmens auch niveauvolle Veranstaltungen durchführen
zu können.
Die besondere Ironie der Situation bestand darin, daß eine literarische
Gattung mit einer philosophischen verwechselt wurde, die wissenschaftliche
Phantastik bzw. Science Fiction wurde von der damaligen Gesellschaftswissenschaft
als Konkurrenz aufgefaßt, als reaktionäre bürgerliche Theorie
über die Zukunft, und deshalb bekämpft. Das gipfelte in der Aussage,
alle Utopie seit Marx und Engels sei reaktionär, die schließlich
auch praktische Wirkung zeigte. Der Klub stieß auf Mißtrauen.
So mußten am Ende alle Klubveranstaltungen inhaltlich vorher angemeldet,
Einladungsplakate vor dem Aushang von der FDJ-Kreisleitung
der Technischen Universität genehmigt werden, bürokratische Hindernisse
wurden errichtet. Trotzdem war und blieb der Lem-Klub weiterhin bekannt.
Sehr eigentümlich mutet aus heutiger Sicht ein Diskussionsabend
im Mai 75 »Wie tragfähig sind heutige Vorstellungen von der
Zukunft« an, unter dessen Teilnehmern der Förderer des SLK Prof.
Sonnemann und die Initiatorin seiner Zerschlagung Dr. Franke erscheinen;
leider sind keine Informationen über Stattfinden und Verlauf der Veranstaltung
mehr greifbar.
Die Erfolge des »alten« SLK wurden nicht mehr erreicht.
Der Versuch der Auferstehung schlug fehl, der SLK entwickelte sich
durch ständigen Mitgliederschwund zu einem »Zombie«-KIub,
der zum Schluß noch vier Mitglieder hatte (davon 3 Leitungsmitglieder)
und sich schließlich Ende März 1977 selbst auflöste.
Erst Anfang der achtziger Jahre entstand wieder ein Science-Fiction-Klub
an der TU Dresden, der allerdings beim Kulturbund unter der Flagge einer
allgemeinen Literatur-AG mitsegelte und sich organisatorisch vor allem
auf den Studentenklub des Wohnheims Gagarinstraße 12 stützte.
(Noch Ende der achtziger Jahre wurde diesem Klub auf Betreiben von Frau
Dr. Franke verboten, den Schriftsteller Rolf Krohn zu einer Lesung einzuladen.)
Und seit der Wendezeit gibt es in der Förstereistraße die Science-Fiction-Buchhandlung
von Michael Stöhr und wieder regelmäßige Fantreffen, einschließlich
der bekannten Förstercons, zu denen sich auch frühere SLK-Mitglieder
einfinden.
Nachtrag: Aus dem Klub bei Michael Stöhr entstand der SF-Klub TERRAsse
im Stadtverband der Dresdner Urania.
2. Nachtrag: Michael Stöhr ist umgezogen und wohnt jetzt in der
Großen Meißner Str. 14
01097 Dresden, Tel. 0351/8024183
Berühmt sind jetzt seine Brühnudelabende mit Freunden der
SF und Phantasy. Oft kann man ihn auch in der "Schildkröte", einem
Spezialgeschäft für Phantasy und SF, treffen.
3. Nachtrag: Die "Bekanntlich"-Anthologie des Stanislaw-Lem-Klubs ist
nunmehr erschienen. (Nähere Auskunft bei Bernd, Adresse siehe unten.)
Post an Bernd: Bernd.Hutschenreuther@sz-online.de
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