Weltende

Lyrik vom Hutschi

© 1999

 Zurück zu Hutschis Netzgewebe


weltende
bin weißer staub
webe schatten in luft
decke trichter zu
bis gras wächst
drüber

weltende
mir scheint als sei ich seit gestern gefalten
im umschlag verborgen und mit flecken von tinte besät
mutter regen fragt ob der briefkasten heute noch steht
ich sehe ihn nicht die erde ist zu zwei hälften gespalten

die spalte bin ich ein uniformierter postbote schreitet
zwei masken fallen vom himmel herab und erstarren
neben sternen engeln oliven gezuckerten feigen und narren
die antwort trägt einer im mantel verborgen und reitet

auf einer der kleewiesen in schlamm oder asche
über brocken aus lehm in den hain stöcke liegen zersplittert
ein hungerkünstler hat klänge zusammengeklittert

ein brautschleier hängt zerrissen zwischen den zweigen
der plattenspieler beginnt zu schweigen
und ein kaugummi klebt in der hosentasche


weltende
die wahren

die wahren
die wahren wahren
die wahren

die wahren
die wahren wahren
die wahren wahren waren
die wahren wahren
die wahren

die wahren
die wahren wahren
die wahren wahren waren
die wahren wahren waren waren
die wahren waren waren
die waren waren
die waren

die waren
die waren waren
die waren waren waren
die waren waren
die wahren

die waren
die waren wahren
die waren
die waren


weltende
die mühe der ebene

ebene
zeit raum
raum zeit ebene raum
ebene raum zeit ebene raum
raum zeit ebene traum zeit ebene gerade
zeit ebene traum zeit ebene
traum zeit ebene traum
zeit traum
ebene
die ebene der mühe


weltende
die sehen

die
die sehen
die sehen die
die die sehen sehen
die die sehen die sehen
die die sehen die sehen die
die die sehen die sehen die die sehen
die die sehen die die sehen die sehen die
die die sehen die die sehen die sehen die sehen
die die sehen die die sehen die sehen
die sehen die sehen die die sehen
die sehen die die die sehen
die die sehen die sehen
die sehen die sehen
sehen die die
sehen die
die

sehen die


weltende
ich bin das feuerzeug
dem das benzin fehlt
ich bin die kerze
die keinen docht hat
ich bin der motor
ohne kurbelwelle
ich bin die natur
ohne gras

weltende
die welt flüsterte
wer klopft
ich bin's
sagte ich
traurig

die welt flüsterte
was möchtest du
helfen
sagte ich
traurig

die welt flüsterte
wie
mit bomben
sagte ich
traurig

die welt flüsterte
warum
leben retten
sagte ich
traurig

die welt flüsterte
ich helfe dir
...
...
...


weltende
phönix

als ich aus der asche aufstand
glühte sie noch

Als ich zum Himmel flog
kam Ikaros schon


weltende
ich bin ein weißes papier
welches zerrissen wurde
welches zusammengeknüllt wurde
welches in der ecke liegt
ich bin ein überflüssiges weißes papier
welches das feuer nicht löschen kann
 


weltende
die übersetzung ...

die übersetzung für belgrad ist berlin
die übersetzung für pristina ist dresden
die übersetzung für berlin ist london
die übersetzung für dresden ist birmingham
die übersetzung für london ist paris
die übersetzung für birmingham ist marseille
die übersetzung für paris ist moskau
die übersetzung für marseille ist st. petersburg
die übersetzung ...


weltende
das schwarze licht verfolgt mich in der röhre
die in die erde dringt ein grauer schatten
macht rosa lärm für ordnung sorgen ratten
und sagen mir daß ich dazu gehöre

ich niese heftig und ich quieke laut
und stehle speck den mäuse liegen ließen
und schlafe langsam auf den weißen fliesen
und regen gießt bevor der morgen graut

die wilde flut kommt schneller als ich dachte
ein fisch zerschellt an einem ofenrohr
ein hahn kräht dreifach berge beben sachte
die falle zeit schnappt zu ich steh davor

ich male grau weiß rot grün gelb und pink
die leinwand hält ich speichere den link
 



weltende
die tasten frieren unter meinen fingern
die zeichen kleben an der kalten zeit
die wörter liegen mit dem draht im streit
ein satz versucht die ohnmacht zu verringern

was lüge ist was wahr wer kann das sagen
läuft alles kreis ist alles vorbestimmt
ich nehm als antwort was man immer nimmt
wie medizin und rette meinen magen

ich werde engel fühle mich schon leicht
und streite sehr um eine nadelspitze
das ist der ort wo ich am liebsten sitze

aus bildschirmwolken fällt was ins gelände
aus transistoren dringen nebelwände
in pfützen werden brote eingeweicht


weltende
mit worten kämpfe ich gegen hubschrauberflügel
mit leisen worten
zu leise
kämpfe gegen das lachen
der maske
gegen das lachen
des positiven denkens
das mich zerstört

macht macht sich nichts aus nebenwirkungen
die von verbrannten fingern kommen
die aus der glut kommen
die leuchten
mit worten kämpfe ich gegen hubschrauberflügel
buchstaben fallen
ein finger schreibt an die wand

.


weltende
der könig ließ das meer peitschen
ich peitsche das internet
verzweifelt
medienschlacht
nennen sie es
medien? schlacht?

humanitäre katastrophe
ein lachender mann
schaut aus dem fernseher
und berichtet
erfolge

erfolge
die mißerfolge sind
ich peitsche das internet
ein verbrecher legte einem verbrecher das handwerk
der nächste verbrecher legte dem nächsten verbrecher das handwerk

die bomben auf dresden fallen schon
ich zeige mit dem finger auf mich
menetekel
 



weltende
geister

wir geister tanzen unsern totentanz,
als neue engel höherer kultur,
wir laufen, eingehüllt in folienglanz,
durch unsre mutter fauchende natur.

da klickt etwas, da ruft mich meine pflicht,
die zivilisten sind als erste fort,
ich scheine als das neue himmelslicht,
die wolkenaugen weinen leise dort.


weltende
Mythologie

1

Vorgestern waren die mächtigen Götter
von vorgestern unfehlbar.

Gestern wurden die unfehlbaren Götter
von vorgestern gestürzt von den
unfehlbaren Göttern von Gestern.

Gestern waren die Götter von vorgestern
Verbrecher.

2

Gestern waren die mächtigen Götter
von gestern unfehlbar.

Heute wurden die unfehlbaren Götter
von gestern gestürzt von den
unfehlbaren Göttern von heute.

Heute sind die Götter von gestern
Verbrecher.

3

Die heutigen Götter sind unfehlbar.

4

Morgen waren die mächtigen Götter
von morgen unfehlbar.

Übermorgen wurden die mächtigen
Götter von morgen gestürzt
von den unfehlbaren Göttern von
übermorgen.

Übermorgen waren die Götter von morgen
Verbrecher.

5

So stürzten die Götter von vorgestern,
gestern, morgen und übermorgen.

Zum Glück haben wir die Götter von heute.


 


weltende
erschütterungen

die welt schüttelt sich
langsam schüttelt sie mich ab
langsam schüttelt sie uns ab
ich unterstütze sie
wir unterstützen sie
wer schützt mich vor meinem beschützer?
wer schützt uns vor unserem beschützer?


weltende
ich bin es
der da liegt
der da trifft
der da getroffen wird

ich bin es
der da schüttelt
der da geschüttelt wird
ich bin drin

drin im spiel
das niemand gewinnt
das niemand gewinnen kann
das keine sieger kennt

nur besiegte


weltende
die verzauberte zeit war mir fremd und ich flog
und schwang meine flügel und schwebte durch staub
über wälder hinweg und riß blätter und weißes laub
von den bäumen und knickte die zweige oder ich bog

einen störenden ast und ein pfeil quirlte luft
und traf meine flügel goldene federn stoben
und fielen nach unten auf den boden der tropen
eine blüte lockte mit farbe und duft

wasser war da und und ich schwamm im kreise und trank
und fand ruhe und sanftmut in einem der kelche
und blickte zur seite und sah irgendwelche
andere tiere bevor ich im rauschen versank

in zeit und in raum verkapselt gebar
ich leuchtende träume im folgenden jahr


weltende
als klee wurde ich gestern wiedergeboren
mit vier blättern das bringe den leuten glück
erklärte man mir ich neigte den kopf zum erdreich ein stück
und sann nach und erkannte und hab den gedanken verloren

und suchte ihn lange da war aber nichts
außer den sonnenstrahlen die blätter trafen
und windböen und stehengebliebenen chronographen
und pfützen natürlich und resten des jüngsten scheibengerichts

und steinen die über die erde streunten und mücken
und ziegen die wiesen mochten als weiden und rehe
im nahen wald und lehm auf den steinen und schuhe die drücken

und ich mochte das alles sogar den regen die lichter
die töne den morgentau auf meiner gebogenen zehe
und grub sie tief ein in den neuentstandenen trichter..
 



weltende
als frühnebelwind über gläser klang
und die milde sonne mich heimwärts trieb
und ein reiter auf seinen gaul einhieb
und die sense in alle richtungen schwang

da fielen grashalme um und getreide
wogte und die straße bildeten einen strich
der ins dickicht wies und dahin lief ich
dem reiter nach mit dem sieb aus seide

versuchte ich eine falle zu stellen
denn ich wollte die elfen retten
aber da kamen erkältete gnome

und husteten und suchten nach taschentüchern
und ich hatte noch eines zwischen zwei büchern
der einsame reiter schwieg und teilte atome
 



weltende
buridans büro

als ich meine neue arbeit begann
kam ich an
und sah
da
zwei haufen
und könnte mir gleich die haare ausraufen
denn sie waren vollkommen gleich

starte ich mit dem einen oder vielleicht mit dem andern
so sann ich nach und begann im büro zu wandern
hab bei tag und bei nacht
gedacht und gedacht

war bei wind und bei regen
am überlegen

ich konnte doch nicht einfach so beginnen ganz ohne grund
und
ich beschloß: da nehm ich einfach den ersten
denn der erste ist bekanntlich am schwersten

aber welcher der beiden
ist es den anderen müßte ich meiden

oder beginne ich gleich mit dem zweiten
ich will da nicht streiten
nach etlichen wochen kam ein mann mit der schippe
und trug fort mein gerippe
 



weltende
nun bin ich splitter geworden
in einer welt aus metall
olivgrüne zeit durchdringt den schatten
mich


Literaturzentrum Dresden Kreativstudio Zschertnitz
Binokel
© 1999 Heft 8, Jahrgang 1999
ISSN 0944-8861
Kontakt: Bernd.Hutschenreuther@sz-online.de
Bernd Hutschenreuther, 01139 Dresden, Rietzstr. 41


Post an Bernd: Hutschi@aol.com (oder Bernd.Hutschenreuther@sz-online.de)

Hutschis Netzgewebe Zurück zu Hutschis Netzgewebe